ein Rentier auf Bewährung – weihnachtliche Kurzgeschichte

„Und das du dich diesmal benimmst!“ Die sonst so gutmütigen Augen funkeln streng über den Rauschebart hinweg.

Ich sehe zu den anderen Rentieren, die mich genauso streng ansehen, schlucke und beteuere: „Ja, Weihnachtsmann. Dieses Jahr bin ich ganz brav – du kannst dich auf mich verlassen!“ Die Weihnachtselfen kommen mit dem Geschirr und das Leder wird mir angelegt über Brust und Rücken – ich werde zu den anderen gestellt und mit ihnen und dem Schlitten verbunden. Ganz vorne steht natürlich Rudolf, der alte Angeber.

Währenddessen werden Geschenke auf den Schlitten geladen und die ganze Zeit soll ich warten. Ich hasse es zu warten. Ich kann nicht still stehen und langweile mich schnell. Unruhig tänzle ich auf meinen Hufen hin und her und bekomme von der Seite schon einen skeptischen Rentierblick. Dann geht es endlich los. Die Tore der Weihnachtsfabrik werden geöffnet und winterlich kalte Luft strömt zu uns herein. Rudolf zählt an, aber ich kann es nicht erwarten und werfe mich schon bei zwei in die Riemen. Doch die anderen ziehen erst bei drei an und so stolpere ich ein bisschen, bevor wir im Gleichschritt traben und Fahrt aufnehmen. Die vereiste Landebahn glitzert im Sonnenlicht, während die Hufe immer schneller aufschlagen und die Gurte mir ins Fell drücken – dann passiert es schließlich. Die Rentiermagie beginnt zu wirken und unsere Hufe verlassen die Landebahn und treten in die Winterluft, wobei wir den Schlitten hinter uns her ziehen.

So traben wir stundenlang durch die Luft, verlassen den Nordpol, überfliegen einen endlosen, stahlgrauen Ozean mit Containerschiffen darin und sehen schließlich Europa. Dieses Jahr sollen wir als erstes nach Deutschland zu einer Gruppe, deren Bemühungen schnell vergessen werden und die angeblich selbst so etwas wie Weihnachtsmänner sind. Seit meinem letzten Patzer vor drei Jahren war ich nicht mehr mit und so kann ich mir nicht so richtig vorstellen, was das für moderne Weihnachtsmänner sein sollen, die man sonst vergisst. Ich kenne nur einen Weihnachtsmann und der wird von niemandem vergessen.

Wir überfliegen zunehmend leuchtende Flächen – Glitzerpfützen, die Straßen und Dörfer sein müssen und Lichtbänder, die sich von Pfütze zu Pfütze ziehen. Schließlich leitet Rudolf die Landung ein und ich versuche mich auf die Gegenwart und die Mission zu konzentrieren. Dieses Jahr werde ich ein gutes Rentier sein.

Wir kreisen immer tiefer und ich bemerke die Autos, die unglaublich schnell fahren – laut und stinkend. Diese Dinger sind mir zuwider. Während neben mir mein Rentierkumpel einen begeisterten Ruf ausstößt, als er die Autos sieht. Mühsam konzentriere ich mich auf die Landung und schließlich ist es so weit – unsere Hufe treffen auf nassen Asphalt. Wir bremsen langsam, das Gewicht der Gurte drückt immer weniger ins Fell. Und schließlich bleiben wir stehen. Ich schüttle mich, während mein Herz noch schnell schlägt. Alle starren uns an. Vor der Tankstelle ist ein Hund, der bei unserem Anblick zu Hecheln aufgehört hat und uns jetzt misstrauisch beäugt, bevor er anfängt zu bellen. Er ist nicht der einzige, der uns mit Misstrauen begegnet. Dicke Männer öffnen LKW-Türen und glotzen uns unhöflich an. Einer starrt durch das Glas der Tankstelle. Dazwischen läuft eine angetrunkene Frau herum, die für die Temperaturen viel zu leicht bekleidet ist. Auch wenn es hier wärmer ist als am Nordpol. Aber man muss bedenken, dass sie ja gar kein Fell hat.

Der Weihnachtsmann klettert vom Wagen und tut was er immer tut – wirft die Hände in die Luft, als wäre der schönste Tag auf Erden und ruft mit großväterlicher Stimme: „Ho ho ho! Fröhliche Weihnachten!“

Ich muss mich wieder schütteln und bekomme vom weiteren Menschengelaber nichts mit. Ich hasse es, diese Gurte so lange tragen zu müssen. Das Glöckchenklirren, das ich dabei selbst verursache, sticht mir in die empfindlichen Ohren, aber ich kann nicht aufhören mich zu schütteln. Meine Rentierkollegen gucken schon streng. Aber ich kann nicht aufhören. Es wird immer unangenehmer und irgendwann kann ich nur noch an eines denken: Dass diese kratzigen Dinger runter müssen. Also winde ich mich, drehe mich, zerre. Um mich herum werden Rentierstimmen laut, aber ich höre sie nicht. Ich höre nur die Glöckchen und spüre die kratzigen Gurte. Und dann bin ich frei. Frei! Erleichtert trabe ich ein Stück weg von dem Schlitten. Zum Teufel mit der Weihnachtsmission – ich werde jetzt einen kleinen Ausflug machen und danach können sie mich meinetwegen wieder in die Gurte legen. Ich muss mir jetzt nur mal die Hufe vertreten und die Muskeln auflockern. So viel wird ein Rentier ja wohl noch tun dürfen.

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