Ein seltsamer Traum

Am Ende dieses erstaunlich schönen Wochenendes, hatte ich einen seltsamen Traum. Er fand nur ein paar Stunden nach einem der Waldspaziergänge statt, die mir zur zweiten Natur geworden waren. Die nahen Trampelpfade, auf denen ich dabei lief, waren mir inzwischen vertraut und am liebsten war mir einer, der an einer Reihe besonders hübscher Bäume vorbeiführte. Sie sahen alt und verwittert und unmöglich knorrig verdreht aus. So als wohnten Hexen oder irgendwelche heimtückischen Phantasiewesen darin.

knorriger Baum

Auch an diesem Tag war ich dort gewesen. Ich genoss den Geruch nach Erde und feuchter Luft und vor allem den Anblick meiner Hexenbäume. Fünf Stück. Kurzentschlossen hatte ich von jedem einen Zweig abgebrochen, um sie Zuhause in eine Vase zu stellen. Schon bald würden die Knospen aufgehen und sich zu frischen, hellgrünen Blättern entrollen. Und ich konnte ihnen dabei zusehen und hatte wenigstens ein bisschen Raumdekoration für meine hässliche Kammer.

Der Traum jedenfalls begann auf einer zwielichtigen Lichtung meines Waldes. Zwischen dem Unterholz saß mehr Schatten als Licht. Mein Traum-Ich spürte dort unwillkürlich eine Ahnung von Bedrohung. Von uralter Macht.

Da traten unter Rascheln und Ächzen fünf Baummenschen aus dem Wald hervor. Ihre Rinde war grau ausgeblichen, von tiefen Furchen gezeichnet und stellenweise von aufdringlichem Moosteppich bedeckt. Die Gesichter waren seltsam verzerrt, bestanden aus Astgabeln und Löchern. Noch wusste ich nicht, ob sie Freund oder Feind waren.

Du hast uns bestohlen!“, warf mir eine tiefe Stimme vor, die wie das Grollen eines eingesperrten Windes klang. Verdutzt und ängstlich wich ich ein paar langsame Schritte zurück.

Büßen muss sie!“, wisperte ein anderer Baummensch.

Sie hat von unseren Mutterbäumen genommen und so auch ein Stück Seele des Waldes!“

Bestohlen!“, echote der erste Baummensch.

Ich hab gar nichts genommen!“, rief ich aufgebracht. „Ich hab nichts Verbotenes getan!“

Ein dritter Baum antwortete: „Nur ausgewählte Menschen dürfen von unserer Seele nehmen! Nur solche, die ihr würdig sind.“

Ich schluckte, wollte weiter zurückweichen, doch meine Beine waren schwergängig, als müsste ich gegen einen unsichtbaren Widerstand ankämpfen „Ich bin würdig!“, versprach ich und wollte nichts lieber, als fliehen.

Büßen sollst du!“, wisperte der zweite Baummensch wieder.

Beweis es!“, forderte der erste. Dumpf grollend wie ein Gewitter.

Drei Aufgaben sollst du bestehen“, beschied der dritte Baummensch. „Nur dann kannst du dich würdig erweisen.“

Der zweite Baummensch wisperte: „Schützen sollst du den, der in seinem Herzen unseren Wald mit sich trägt.“

Mache ich“, versprach ich ihnen atemlos, ohne zu wissen was oder wen sie meinten.

Sie funkelten mich drohend an, wandten sich dann aber zum Gehen.

Nur einer zögerte. Einer von denen, die noch nicht gesprochen hatten. Langsam pflückte er sich mit einem dünneren Ast eine Eichel vom Kopf. „Hüte dich vor der Nacht“, warnte er mich mit heller Stimme, streckte mir die Eichel entgegen und legte sie in meine linke Hand. Sie fühlte sich warm an. Dann verschwand auch der letzte Baum und ich erwachte in meinem klapprigen Bett in Gertruds Waldhaus.

Anders als sonst, hatte ich auch nach dem Aufwachen den ganzen Traum glasklar vor Augen und er schien sich auch in keinem Detail verflüchtigen zu wollen. „…Schütze den, der in seinem Herzen unseren Wald mit sich trägt…“, murmelte ich kopfschüttelnd vor mich hin. „…Hüte dich vor der Nacht…“ Verrückt! Was bitte passierte in diesem hinterwäldlerischen Ort bloß mit meinem Verstand?

Erst im Badezimmer, als ich mir kaltes Wasser ins Gesicht spritzen wollte, sah ich es. Das goldene Bild einer erstaunlich detailgetreuen Eichel prangte auf meiner linken Handfläche. Was zum…? Das konnte nicht sein! Es war verrückt!

Es ließ sich nicht abwaschen.

Den Rest der Nacht über konnte ich nicht mehr schlafen. Immer wieder rubbelte ich über das Bild auf meinem Handteller. Aber es blieb unversehrt dort, wie ein Tattoo. Das war doch gar nicht möglich! Es gab keine Erklärung dafür. Gar keine.

Zumindest vertrieb es meine Sorgen über die neue Schule, die ich morgen besuchen müsste.

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