Sechsundzwanzigstes Kapitel: Nachwuchs-Hexen

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Nach einer kalten Dusche – Liam wartete draußen im Flur – wollte ich nur noch ins Bett. Am liebsten wäre ich wieder zur geheimen Bibliothek geschlichen, doch ich war hundemüde. Jeden Tag konnte ich mich nicht davonschleichen und meinen Schlaf opfern.

Mein Begleiter sprach noch immer nicht mit mir, was sich langsam komisch anfühlte. An seine Gegenwart hatte ich mich inzwischen so sehr gewöhnt. Als wir nebeneinander im Bett lagen und er noch immer nichts gesagt hatte, beschloss ich, dass ich damit an der Reihe war ein Gespräch in Gang zu bringen. Ich wandte mich ihm zu und betrachtete sein Gesicht. Er hatte die Augen geschlossen, die Lippen aufeinandergepresst und eine kleine Falte zeigte sich zwischen seinen Augenbrauen.

„Liam?“

Er reagierte nicht.

Aus einem Impuls heraus streckte ich meine Hand nach ihm aus und stupste ihn auf die Nase. Er zuckte vor meiner Berührung zurück. Wenigstens waren seine Augen jetzt offen und er starrte mich vorwurfsvoll an.

„Hör auf zu schmollen. Das steht dir nicht.“

„Ich schmolle nicht“, knurrte er ungehalten.

Ich seufzte. „Aber du bist sauer auf mich.“

„Nein. Du bist nur zufällig die Hexe, die mich beschworen hat. Wenn wir eine persönliche Verbindung zueinander hätten – sagen wir mal, wenn wir befreundet wären, dann wäre ich vermutlich sauer auf dich, weil du irgendetwas vorhast und mir nicht davon erzählst. Keine Kleinigkeit, sondern eine wirklich wichtige Sache. Da kann ich nur froh sein, dass wir keine Beziehung zueinander haben. Ich bin froh, dass wir keine Freunde sind.“

Autsch. „Prima. Wenn wir befreundet wären, hättest du vielleicht Verständnis dafür, dass ich dir nicht alles erzählen kann.“

Er funkelte mich wütend an. „Wenn es um eine Kleinigkeit gehen würde, hätte ich Verständnis. Aber was auch immer mit dir los ist – das ist eine hundertachtzig Grad Wende. Ich verstehe einfach nicht, warum du mich so ausschließt.“

Es ist doch nur zu deinem Besten. Wieder streckte ich die Hand nach ihm aus, um ihn an der Schulter zu berühren, doch er wehrte mich ab.

Ein unwillkommenes Brennen stieg mir in die Augen, also schloss ich sie und wandte Liam den Rücken zu. Es gab überhaupt keinen Grund jetzt Tränen zu vergießen. Mit aller Macht dachte ich an die langweiligsten und trockensten Unterrichtsinhalte, die ich in jemals hier gelernt hatte und schaffte es irgendwie mich damit so weit abzulenken, dass ich nicht heulte. Schließlich sollte mein Begleiter nicht mitbekommen, dass seine Abweisung mich verletzte.

Die nächste Nacht unterschied sich kaum von dem vorherigen, genauso wenig wie die danach. Ich konzentrierte mich auf die Fächer, die mir dabei helfen konnten, Leviathan zu besiegen – Beschwörung, Giftmischen und Kampfsport – und nutzte die restliche Zeit in der Bibliothek oder beim Üben mit meinen Freunden.

Ich hatte die Kampfsportnachhilfe bei Wolf wieder aufgenommen – Wolf der weniger menschlich aussah als je zuvor. Sein schnauzenartiges Gesicht hatte sich noch spitzer verformt und seine Worte waren kaum zu verstehen, weil er sie mit einem Raubtiergebiss aussprach, statt mit menschlichen Zähnen. Seine Gestalt war noch gebeugter – wie ein Tier, das jeder Zeit zum Sprung bereit war und nur temporär auf zwei Beinen lief. Tatsächlich ging er hin und wieder dazu über sich auf vier „Pfoten“ fortzubewegen, wenn er schnell etwas holte.

An einem unserer Übungstage tauchte Cadoc auf und verlangte Liam zu sprechen. Widerwillig löste mein Begleiter sich von seinem Horrorroman und folgte seinem Vater.

Es war die Gelegenheit – ich wandte mich zu Wolf um und entging nur knapp einem Schnappen in Richtung meines Gesichts.

„Augen immer auf den Gegner!“, grollte er und seine gelben Augen blitzten mordlüstern.

„Ja – aber wir haben nicht viel Zeit – hör mir zu!“ Wie sollte ich das jetzt schnell und gleichzeitig sensibel verpacken? „Also letztens bin ich tagsüber durchs Schloss gegangen – allein und unsichtbar,“ Ich konnte die Fragezeichen durch sein verformtes Gesicht huschen sehen. „und ich habe auch dich und diesen grauenhaften Lehrer gesehen.“ Kein Widererkennen. „Er hat dich geohrfeigt.“ Scham blitzte auf und Fell brach durch Wolfs Gesicht und bedeckte seine Schnauze. Sicherheitshalber brachte ich noch zwei Schritte zwischen uns, raunte aber weiterhin aufgeregt auf ihn ein. „Und ich bin mir sicher, dass der eigentliche Grund dafür, dass du manchmal Probleme mit deiner Menschengestalt hast, nicht dein mangelndes Können oder fehlende Disziplin ist. Sondern ich denke, dass es dein fehlendes Selbstbewusstsein ist, dass schon seit Jahren unter diesem schrecklichen Mann leidet und glaubt was er sagt, um eine schlüssige Erklärung dafür zu haben, warum du schlecht behandelt wirst. Du versteckst dich unbewusst in deiner Monstergestalt. Aber du bist großartig – also ich denke, wenn du aufhören würdest, dich diesem Lehrer zu beugen und generell dich mehr trauen würdest, du selbst zu sein und gesehen zu werden – dann könntest du die Macht über beide Gestalten erlangen!“

Der Werwolf stieß ein durchdringendes Heulen aus und stürzte sich auf mich – kaum noch etwas in seiner Gestalt war menschlich. Meine Instinkte übernahmen und es gelang mir dem Angriff knapp auszuweichen und dem Monster meinen Ellenbogen in die Rippen zu stoßen, während es an mir vorbeisprang. Es jaulte, landete auf den Pfoten und blickte mich mordlüstern an, die übertrieben großen Zähne gebleckt, der Kopf geduckt. Bereit zum Sprung, bereit zu zerfleischen. Es war kein normaler Wolf, sondern ein Monster aus einem Horrorfilm. Übertrieben muskulös, übertrieben groß und mit übertriebenen Reißzähnen und Klauen.

„Wolf!“ Aus dem Augenwinkel sah ich jemanden in der Tür stehen, doch erst als das Monster der Stimme seinen Kopf zuwandte, traute ich mich auch, einen kurzen Blick zu riskieren. Theresia stand mit leuchtend roten Augenhöhlen in der Tür.

„Wolf! Reiß dich gefälligst zusammen und hör sofort auf! Weißt du nicht wie zerbrechlich Nora ist?“

Hey! Aber zugegeben: Mit einem Werwolf wollte ich es nicht aufnehmen.

Der Werwolf wandte mir wieder seinen Kopf zu und witterte. Doch er griff nicht erneut an. Er musste noch überlegen. Irgendetwas an Theresia schien zu ihm durchgedrungen zu sein. Langsam richtete er sich aus seiner geduckten Haltung auf, visierte mich jedoch weiterhin an.

„Wolf! Hör auf damit!“ Theresia war an seine Seite getreten und klapperte ärgerlich mit dem Kiefer.

Der Werwolf beäugte sie und ich bewunderte meine Freundin für ihren Mut – bis mir einfiel, dass sie unsterblich war. Trotzdem.

Wolf schüttelte sich, als wollte er etwas loswerden und das Fell verschwand in seiner Haut, seine Gestalt richtete sich auf und er stand wieder auf zwei Füßen, geradeso. Nicht ganz Mensch und nicht ganz Werwolf.

Er blinzelte mich schuldbewusst an. „Tut mir leid, das wollte ich nicht…“, grollte er an seinen spitzen Zähnen vorbei.

Die Anspannung fiel von mir ab. „Schon okay – ich, also…“ Mir fiel ein, dass Liam noch nicht zurück war und dies vielleicht eine kurze Gelegenheit. Also trat ich näher zu meinen Freunden, auch wenn sich meine Instinkte noch gegen Wolf sträubten und flüsterte: „Ich habe einen Plan – und zwar habe ich mir überlegt, dass das eigentliche Problem mit diesem ganzen Ort hier und so Leviathan ist und dass ich-…“

Ich verstummte abrupt, als Liam in der Tür erschien und lächelte scheinheilig.

Meine Freunde sahen sich zu ihm um.

„Ich dachte, ich hätte ein Werwolfsheulen gehört.“

Wolf zog schuldbewusst die Schultern hoch und starrte auf seine nackten, haarigen Füße.

Theresia warf mir einen Seitenblick zu, sofern man das bei einem augenlosen Schädel beurteilen konnte. Er schien so viel zu sagen wie – Er weiß nicht, was du vorhast, oder? Denn ohne Zweifel hatte Theresia sich vorstellen können, wie meine restliche Botschaft gelautet hätte.

Ein peinliches Schweigen entstand und ich zwang mich dazu die Situation zu beenden. „Ja, also – ich muss noch in die Bibliothek.“ So marschierte ich durch die Tür und zog Liam am Arm mit mir.

Die ganze Woche verging wie im Flug, ohne dass meine geheimen Pläne oder der Werwolfszwischenfall nochmal zur Sprache gekommen wäre. Unterricht, Bibliothek, Kampfsportnachhilfe und hin und wieder ein heimlicher Ausflug ins geheime Bücherzimmer. Dort schienen vor allem Bücher aufbewahrt zu werden, die auf eine Geschichte jenseits von Leviathans unangefochtener Macht hindeuteten.

Isabella schien sich von ihrem Tiefschlag nicht zu erholen. Sie lief weiterhin wie ein Häufchen Elend durch die Gänge, sprach kaum ein Wort und sah ungepflegt aus. Fast war es schon so weit, dass ich Mitleid mit ihr bekam. Fast.

Liam war sauer auf mich. Zwar begleitete er mich noch immer überall hin, verweigerte sich aber jeder Brücke, die ich zu ihm schlagen wollte. Es konnte doch wohl nicht so schlimm sein, dass ich ihm eine einzige Sache in meinem Leben vorenthielt.

Am Beginn der neuen Woche erwartete uns eine Überraschung. Am Frühstückstisch saßen zwei fremde Mädchen, sodass nun wieder alle Stühle belegt waren. Die beiden Tode, die ich mit angesehen hatte, zogen vor meinem inneren Auge vorbei. Ein Riesenkaninchen mit Reißzähnen, das ein Mädchen mit einem Bissen verschlang. Mare. Der Geisterdrache, der Ida und ihren Begleiter in seinem eisblauen Feuer verbrannte. Die Erinnerungen ließen das Entsetzen frei, das ich im hintersten Winkel meines Gehirns versteckt hatte. Ich setzte mich zwar an den Platz, wo ich immer saß, doch mein Appetit war erst einmal vergangen.

Die beiden Neuen konnten natürlich nichts dafür, aber sie erinnerten mich einfach an das, was geschehen war. An das, was vielleicht auch mit mir geschehen würde, wenn ich versuchte, mein Vorhaben in die Tat umzusetzen.

Die Neuen saßen zusammen und hielten sich an den Händen. Sie sahen völlig verängstigt aus. Ein Spiegelbild von mir selbst an Halloween und kurz danach. Waren die hier auch aus der Menschenwelt geholt worden, weil sie angeblich Wechselbälger waren? Genau das hatte ich doch verhindern wollen.

Isabella näherte sich dem Tisch. Sie sah zum Fürchten aus. Verlottert und nicht ganz da. Ihr langes rotes Haar so verknotet, die Haut kränklich bleich, tiefe Augenringe… 

Obwohl eine der Neuen auf dem Stuhl saß, der eigentlich Isabella gehörte, machte diese sich nicht die Mühe sie zu verscheuchen, sondern setzte sich einfach woanders hin. Jetzt machte ich mir wirklich Sorgen.

Auf der einen Seite spürte ich noch immer gerechte Wut, weil sie versucht hatte, mich umzubringen und von Anfang an schikaniert hatte. Aber wenn ich sie so sah, keimte in mir der Gedanke auf, dass sie vielleicht einen wirklich guten Grund gehabt hatte, Beste werden zu wollen. Dass ich ihr dabei ein Dorn im Auge gewesen war.

So bescheuert es auch klingen mochte: Die alte Tyrannin war mir lieber gewesen, als dieses verwahrloste Etwas.

Im Laufe des Frühstücks stellte sich heraus, dass die Neuen Agathe und Zoey ließen. Agathe war klein und blass, hatte mausbraunes, schulterlanges Haar und eine Brille. Sie kam aus einer Kleinstadt an der Küste und war hierher entführt worden. Zoey war größer und stämmiger. Sie hatte lockiges schwarzes Haar, das rund um ihren Kopf herum schwebte. Abgesehen von Furcht las ich in ihrem Gesicht auch eine große Portion Trotz.

„Habt ihr schon eure Begleiter gewählt?“, fragte ich.

Die beiden sahen erst einander an und dann mich. Gleichzeitig schüttelten sie die Köpfe. „Was ist ein Begleiter?“, fragte Zoey.

Ich deutete auf die riesige haarige Spinne, die auf Samaras Schulter saß. „Das ist ein Kobold, also ein niederer Dämon. Als Hexe muss man einen Pakt abschließen, damit seine Chaosenergie zum Zaubern verwendet werden kann.“

Samara warf mir einen gehässigen Blick zu.

„Ich bin aber keine Hexe“, sagte Zoey.

Ein tiefes Seufzen entkam mir. Das war tatsächlich genauso, als ob ich einem Spiegelbild von mir aus einer früheren Zeit gegenübersaß. „Ob ihr es wollt oder nicht, ihr werdet hier zu Hexen ausgebildet. Glaubt mir, wenn ich euch sage, dass ihr absolut keine Wahl habt, was das angeht. Wenn ihr euren Begleiter wählen sollt, kann ich vorher versuchen, euch zu helfen. Es ist nämlich sehr wichtig das richtig zu machen. Sonst wird man womöglich gefressen.“

„Das kann einfach nicht sein. Ich bin keine Hexe. Und ich habe ein Leben, zu dem ich zurückkehren werde! Egal was du sagst.“ Zoey klang entschlossen.

Nur mit Mühe konnte ich ein weiteres Seufzen unterdrücken. Aus eigener Erfahrung wusste ich, dass es keinen Sinn hatte, ihr das auszureden. Stattdessen heftete ich meinen Blick auf Agathe. Diese schien das als Aufforderung zu betrachten, selbst etwas zu sagen. „Also solange ich nicht gefressen werde, habe ich nichts dagegen eine Hexe zu sein. Das ist viel aufregender als mein altes Leben.“

Liam, der mit einem Teller in der Hand hinter mir stand, gab ein zustimmendes Geräusch von sich.

Zoey zog ihre Hand von Agathe zurück und starrte sie vorwurfsvoll an. Diese senkte schüchtern den Blick und zuckte entschuldigend mit den Schultern.

„Zoey, glaub mir einfach. Am Anfang habe ich genauso gedacht wie du, aber es ist unmöglich diesem Schicksal zu entkommen. Wenn du dich dagegen wehrst, kannst du hart bestraft werden. Und es ist unmöglich zu fliehen.“ Ich fühlte mich, als ob ich gegen eine Wand redete.

Die Neue reckte trotzig das Kinn. „Nur weil du es nicht geschafft hast, heißt es nicht, dass es unmöglich ist! Ich werde nach Hause zurückkehren und niemand von euch wird mich davon abhalten.“

Es hatte einfach keinen Sinn mit ihr zu diskutieren.

„Schaufel dir dein Grab…“, murmelte Samara. Laut genug damit es alle hörten.

Ich wandte mich meinem Frühstück zu und zwang mich dazu, wenigstens ein paar Bissen zu essen. Der Gedanke an die Toten lag mir noch immer schwer im Magen.

Es war Tag. Wie üblich schlich ich mich aus dem Zimmer, während Liam schlief, mit dem verzauberten Kleid über meinem Nachthemd. Ich lief aus der Schlafkammer, die Wendeltreppe hinab, dunkle Gänge entlang, in den Beschwörungsraum, öffnete den Geheimgang, verschloss das Regal hinter mir und schlich zum Bücherzimmer.

Wie üblich fuhr ich mit meiner Recherche fort. Inzwischen war ich zu der Erkenntnis gekommen, dass Hexenmeister für gewöhnlich von mächtigeren Hexenmeistern getötet wurden. Inzwischen lebten wir in einer Schattenwelt, in der ein Meister alle anderen besiegt hatte und nicht mehr herausgefordert wurde. Er hatte die Macht und dafür gewährte er seinen Untergebenen Schutz. Zumindest war es mal so gewesen. Doch inzwischen war Leviathan eine Bedrohung für die, denen er Schutz gewähren sollte.

Je fähiger ein Meister war, desto mehr Begleiter konnte er an sich binden. Und obendrein mächtigere Begleiter. Zusätzlich scharten Hexenmeister jedoch Gleichgesinnte um sich, die sie wie Soldaten einsetzten und ihnen Schutz, Land und andere Güter im Gegenzug versprachen. So entstanden Hexenarmeen.

In meinen Augen grenzte es an ein Wunder, dass sich in einem solchen Krieg letztendlich ein einziger Mann gegen alle anderen behauptet hatte. Mit jedem Sieg war seine Armee gewachsen, denn die Hexen seiner Gegner schlossen sich ihm anschließend an. Konnte man überhaupt jemandem vertrauen, der vorher auf der Seite des Gegners gestanden hatte?

Es gab auch zahlreiche Geschichten über Drako, der zu seinen Lebzeiten ebenfalls ein mächtiger Hexenmeister gewesen war. Ein Drache, der aus der Vermischung der Chaoswelt und der unsrigen Welt entstanden war. Dessen Macht von seinem eigenen gewaltigen Vorrat an Chaosenergie gespeist wurde, genau wie von seiner Schläue und seinen Anhängern. Es überraschte mich, dass es Hexen gegeben hatte, die sich bereitwillig einem Drachen angeschlossen hatten. In meinen Augen war er nicht viel mehr als ein furchterregendes Monster, das sprechen konnte, auch wenn die Texte eine andere Geschichte erzählten. Von einem seiner Anhänger gab es einen Bericht, in dem er als gut und gerecht beschrieben wurde und extrem klug. Das war ziemlicher Quatsch, wie ich wusste, nachdem ich mit eigenen Augen gesehen hatte, wie sein Geist Ida und ihre Schlange verbrannte – nur weil sie ihm zufällig über den Weg gelaufen waren. Und dann die Tatsache, dass er sein ewiges Halbleben damit verbrachte, durch den selben Wald zu streifen, wo er wehrlose Mädchen und Kobolde auslöschte. Das zeugte weder von Intelligenz noch von Güte.

Am Ende der Hexenmeisterkämpfe hatte Leviathan Drako besiegt. Aber die treuesten Anhänger des Drachen schlossen sich zusammen und retteten ihren Hexenmeister – wofür sie ihre eigene Lebenskraft opferten. Ich konnte mir nicht vorstellen, warum man so etwas tat. Sich selbst für seinen Chef opfern. Vor allem, wenn im Endeffekt ein Geisterdrache dabei herauskam, der mutterseelenallein durch die Wälder streifte. Vielleicht waren Hexen grundsätzlich total übergeschnappt?

Ein Geräusch riss mich aus meinen Gedanken. Da waren doch Schritte, oder? Wer kam denn mitten am Tag hierher? So leise wie ich konnte, stellte ich das Buch, in dem ich gerade gelesen hatte, an seinen Platz zurück und wollte mich wieder hinter dem Sessel verstecken. Aber ich hatte noch nicht einmal angefangen hinter die Lehne zu klettern, als ich die Neuankömmlinge im Gang schon sehen konnte. Es war Leviathan selbst, gefolgt von der massigen, hoch aufragenden Gestalt des Gehörnten. Ach du scheiße. In dem Moment, in dem ich sie erblickt hatte, erblickten sie natürlich auch mich. Das war mein Ende. Sie reagierten aber gar nicht und kamen seelenruhig weiter auf das Bücherzimmer zu. Leviathan betrat es, und sah mich noch nicht einmal an. Stattdessen warf er einen Blick zum Kerzenleuchter. „Der Zauber muss defekt sein.“ Er schlenderte an den Regalen vorbei, ließ einen Finger über die Buchrücken gleiten und ging schließlich zum Sessel, neben dem ich stand. Anmutig setzte er sich hinein. Ich wartete darauf, dass er etwas zu mir sagte. Dass er mich an Ort und Stelle auslöschte. Oder vielleicht in einen seiner Käfige zu den Engeln sperrte. Stattdessen sagte er etwas zu dem Gehörnten: „Ach… Ich vermisse die guten alten Tage.“

Der Gehörnte antwortete nicht darauf. Stattdessen schärfte er die Krallen, in denen seine „Hände“ mündeten mit einem kleinen Stein.

„Du nicht auch, Cadoc?“

Der Gehörnte – Cadoc – schaute mit seinen gelb leuchtenden Augen in Leviathans Richtung. „Wenn ich ganz ehrlich sprechen darf, dann sind mir die heutigen Tage lieber“, grollte er. „Ich genieße die Ruhe, anstatt nur an den Krieg zu denken.“

Leviathan seufzte. „Wie langweilig. Ich dachte immer, wenn ich erst einmal der wichtigste Mann in der Schattenwelt wäre, würde meine innere Unruhe allmählich nachlassen. Aber stattdessen ist mir einfach nur langweilig. Und ich spüre den Tatendrang noch immer.“

Mein verzaubertes Kleid schien tatsächlich zu wirken. Selbst gegen den mächtigsten Hexenmeister der Schattenwelt. Nachdem ich nun wusste, was für ein Mann Leviathan war, empfand ich deutlich mehr Furcht als bei unserer ersten Begegnung. Ich wagte kaum zu atmen. Diesen Mann wollte ich unschädlich machen. Ein wahrscheinlich völlig unmögliches Unterfangen.

Cadoc antwortete nicht auf Leviathans letzten Kommentar. Das Geräusch, das der kleine Stein erzeugte, wenn er über das Horn einer Kralle glitt, verursachte mir eine Gänsehaut. Zum ersten Mal kam mir der Gedanke, dass Cadoc einer der Begleiter von Leviathan sein könnte. Seinen Worten zufolge hatte er den letzten Hexenkrieg miterlebt.

„Wie geht es deinem Sohn?“, erkundigte Leviathan sich.

Der Gehörnte schnaubte. „Als Begleiter dieser Hexe – das Menschenmädchen aus dem Haus Blutrose, das ich euch gebracht habe – ist er eine völlige Verschwendung. Ich habe schon darüber nachgedacht, das Mädchen einfach zu töten, damit er sich wieder wichtigeren Dingen widmen kann.“

Der Meister der Finsternis nickte verständnisvoll.

„Momentan klebt er jedoch an ihr, als versuchte er mit ihr zusammen zu wachsen. Ich glaube wenn er sehen würde, dass ich es bin, der sie aus dem Weg räumt, hätte er kein Verständnis dafür.“

„Die Leidenschaft der Jugend“, seufzte Leviathan.

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