Zwanzigstes Kapitel: Betrug

Moin – Schön, dass du da bist!

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In den eiskalten Waschräumen begutachtete ich meinen Hals. Ein Muster dunkelvioletter Blutergüsse lag darum wie ein Halsband. Isabellas Werk. Seufzend griff ich nach meinem Kleid und zog es mir über.

Zeit für die Beschwörungsprüfung.

Durch das viele Büffeln und die Nachhilfe von Theresia war ich viel besser geworden, als ich es jemals erwartet hatte. Trotzdem – besser als Isabella war ich dabei bestimmt nicht. Wahrscheinlich war sie von klein auf mit magischen Runen aufgewachsen.

Ich saß mit den anderen in einem kleinen Raum und wartete darauf, dass Menowin mich einzeln hereinrief. Jede von uns musste vor seinen Augen Magie in einen Gegenstand bannen, doch keine von uns wusste, welchen Zauber er prüfen wurde. Schülerin um Schülerin verließ den Warteraum, nur begleitet von ihrem Dämon. Jedes mal wenn die wässrig blauen Augen des alten Mannes auftauchten, verspannte sich mein ganzer Körper in Angst und Erwartung. Doch er rief jedes mal eine andere – bis irgendwann nur ich noch übrig blieb. Die Nervosität pulsierte durch meinen Körper, zusammen mit Angst vor dem Versagen und Hoffnung aufs Gewinnen. Wir gingen in einen leeren Raum und Menowin schloss die Tür, sobald Liam drin war. Der alte Mann sah mich geringschätzig über seine dicke Nase hinweg an. „Ich will einen Türschließzauber mit Passwort.“ Ein Zauber, den wir in seinem Unterricht nie geübt hatten. Doch die Erleichterung stieß die Gewichte von meinen Schultern. Der alte Mann konnte nicht wissen, dass ich diesen Zauber bereits ausprobiert und gewirkt hatte – an meiner eigenen Tür.

Ich zückte die Kreide, die ich stets in meiner Kleidtasche trug und wandte mich der Tür zu. Erinnerte mich an die Logik der Beschwörung, an die Symbole und die Anordnung. Das hier musste funktionieren. Langsam und konzentriert führte ich jeden Kreidestrich aus, zeichnete einen verschlungenen Symbolkreis auf das Holz. Schließlich war der letzte Strich gesetzt. Ich trat zurück und musterte das Gesamtbild aufmerksam. Es sah gut aus. Ich warf einen Blick zu Menowin, der gegen seinen Willen beeindruckt schien. Dann konzentrierte ich all meinen Willen auf die Symbole und aktivierte den Türzauber in Gedanken – und wählte das Passwort Zitronenbrausebonbons, auch wenn ich die einzige im Raum war, die diesen Scherz verstehen würde. Ich fühlte Liams Magie durch mich hindurch rauschen und meine Zeichnung leuchtete silbrig auf, bevor sie zu einer Gravur im Holz erlosch.

Ungefragt trat ich vor und rüttelte an der Tür, die verschlossen war. Dann trat ich zurück, sprach mein Passwort und versuchte es erneut – woraufhin die Tür widerstandslos aufging. Stolz drehte ich mich zu Menowin um. „Funktioniert fehlerfrei!“

Er kniff die Lippen zusammen und sagte nichts dazu.

„War Isabellas Zauber besser?“, fragte ich, doch der alte Mann antwortete nicht. Ich hatte jedoch den Verdacht, dass meiner besser war – so unzufrieden wie er dreinschaute.

Den Rest der Nacht verbrachte ich hauptsächlich damit, darüber nachzudenken, wie ich bei der letzten, alles entscheidenden Prüfung besser abschneiden konnte als Isabella. Kampfkunst. Nelio hatte ein Turnier angekündigt, dessen Siegerin die beste Note bekommen würde.

Meine Gedanken reichten von raffinierten Giften, über einen ehrlichen Kampf bis hin zu vorzeitigem Selbstmord. Letzteres war natürlich keine ernsthafte Erwägung.

Wolf fegte mir die Beine weg, so dass ich hart auf der Matte aufschlug. Vielleicht sollte ich nicht während meiner Kampfkunstnachhilfe darüber nachdenken. Der Werwolf feuerte einen bösen Blick auf mich ab. „Könntest du wenigstens versuchen dich zu verteidigen, Nora?“

Ich stöhnte und rollte mich auf die Seite. „Ich bin sowas von geliefert morgen Nacht.“

Statt meinem Lehrer antwortete mein Begleiter vom Rand des Kampfkunstraumes: „Ja. Ich glaube ich habe noch nie jemanden gesehen, der weniger dafür geeignet war Nelios Turnier zu gewinnen.“

Ich drehte mich zu dem Halbdämon um und imitierte Wolfs bösen Blick. „Was ich am meisten an dir liebe ist dein Zuspruch“, sagte ich und verdrehte demonstrativ die Augen. „Wenn du mich nicht ständig anfeuern würdest, könnte ich niemals so zuversichtlich sein. Danke, Coach.“

Liams Augenbrauen wanderten nach oben und ein Grinsen zupfte an seinen Mundwinkeln. „Jetzt kann ich mich nicht entscheiden, ob ich auf deinen Sarkasmus eingehen soll oder auf dein Liebesgeständnis.“

Hitze kroch meinen Hals hoch. In Gedanken wiederholte ich was ich gerade gesagt hatte. Eilig wandte ich meinem Begleiter wieder den Rücken zu und betrachtete meine Füße. „So meinte ich das nicht“, beteuerte ich meinen Schuhspitzen. Hinter mir lachte jemand.

Ich blickte zu Wolf auf, dem unser Gespräch sichtlich peinlich war. Er hatte die Schultern fast bis zu den Ohren hochgezogen und sah ebenfalls auf seine Füße herab – an denen er keine Schuhe trug und deren krallenartige Zehennägel und starke Behaarung mir Unbehagen bereiteten.

„Hast du eine Idee wie ich das morgen noch retten soll?“, fragte ich ihn ganz direkt.

Wolfs gelbliche Augen lösten sich von seinen haarigen Füßen und richteten sich starr auf mich. „Du bist gar nicht so schlecht – wenn du dich konzentrierst. Nur zu langsam. Und zu schwach.“

Nach dem Training begab ich mich zur Bibliothek, obwohl der Morgen bald schon graute und es höchste Zeit war zu schlafen.

Eine Weile schlenderte ich zwischen den Regalen hindurch und nahm jedes Buch an mich, dessen Titel vielversprechend klang. Mit einem schweren Stapel Lehrbücher ging ich zu einem kleinen Tisch, der in einer Nische der steinernen Bibliothek stand und setzte mich auf den dazugehörigen, ungepolsterten Holzschemel.

Liam seufzte hinter mir. „Du willst für deine Kampfsportprüfung Bücher lesen?“

Darauf antwortete ich nicht. Ich wusste ja wie wenig er davon hielt, dass ich bei den Prüfungen betrog. Seine Moral in allen Ehren, aber ich musste unbedingt gewinnen.

Mein Begleiter gab einen undefinierten Laut des Missfallens von sich und entfernte sich.

Ich sah über meine Schulter und konnte mit ansehen, wie er zu einem anderen kleinen Tisch schlenderte, der am Ende dieses Bücherregalganges stand, sich dort auf die abgewetzte Tischplatte setzte und seinen aktuellen Roman aus einer Tasche zog. Ich wandte mich dem Bücherstapel vor mir zu. Da drin musste doch irgendein Zauber sein, den ich dazu nutzen konnte Isabella zu besiegen.

Erleichterung und Hoffnung wärmte mich von innen, als ich die Bücher zurückstellte. Endlich ein Plan. Endlich eine Idee.

Anschließend musste ich Liam wecken – aber nicht bevor ich den Anblick ausführlich in mich einsog. Seine sonst so harten Gesichtszüge waren im Schlaf weich. Mein Blick fuhr über seine Gesichtszüge, über seine Schultern und seine Flügel. Ich schüttelte über mich selbst den Kopf und rüttelte meinen Begleiter gröber wach als nötig gewesen wäre.

Stöhnende streckte er sich – seine zusammengekauerte Schlafhaltung auf dem Tisch konnte nicht allzu bequem gewesen sein. „Wie spät ist es?“ Seine tiefe Stimme war noch vom Schlaf belegt.

Ich blickte mich nach einem Fenster um. Die nächtliche Szenerie war einer gestaltlosen Schwärze gewichen. „Tag…“, stellte ich zu meiner eigenen Überraschung fest. Besonders viel Schlaf würde ich wohl wieder nicht bekommen. „Lass uns ins Bett gehen“, seufzte ich.

Theresia hatte dieses mal keine große Mühe mich zu wecken. Kaum hatte sie die Zimmertür schwungvoll aufgestoßen, war ich wach und bereit aufzustehen. Freudige Aufregung prickelte in meinen Adern und zauberte mir ein irres Grinsen ins Gesicht, das ich kaum unterdrücken konnte. Heute würde ich besser sein als Isabella. Heute würde ich mir die Macht über mein eigenes Schicksal zurückerobern!

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