Neunzehntes Kapitel: Mord, Angst und Liebe

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Ein Lachen brandete durch den Raum. Eine schöne Stimme, die aber so kalt war, dass man davon Ohrenschmerzen bekam. Zumindest was mich betraf.

Denk nach! Denk nach! Schrie mein panisches Gehirn.

Mir fiel gerade null komma gar nichts ein, das mir jetzt helfen konnte. Zaubern ging nicht. Im Kämpfen war ich ihr unterlegen. Den einzigen Ausweg blockierte sie. Konnte es mir irgendwie gelingen sie unter einem Haufen frisch gewaschener Wäsche zu begraben? Sie von der Tür weglocken und dann entkommen?

Als panisches Adrenalinbündel schlich ich zwischen schwarzen Laken und Kleidungsstücken hindurch und versuchte den größtmöglichen Abstand zwischen der Verrückten und mir einzuhalten. Ohne weiteres traute ich ihr zu, mich hier und jetzt zu töten.

Isabella sprach und lachte nicht mehr. Das erschwerte es mir ihr auszuweichen. Ich horchte auf Schritte und schlich zwischen den Stoffen hindurch.

Langsam schöpfte ich Hoffnung. Wenn ich es an Isabella vorbei zur Tür schaffte… Ich lugte zwischen zwei Kleidern hindurch und sah mich Auge in Auge meiner Erzfeindin gegenüber. Meiner grinsenden Erzfeindin.

Automatisch schrie ich. Isabellas Hand zuckte blitzschnell vor und packte mich am Hals. Sie drückte zu, obwohl ich versuchte, mich gegen ihre Hand zu wehren. Mein Schrei ging in ein Röcheln über. Ich bekam keine Luft! Wild zerrte ich an ihrem Arm, ich trat nach ihr. Doch Isabellas Arm hielt mir stand und mit den Füßen traf ich sie nicht.

Heißer Schmerz in meinem Hals. Kribbeln im Kopf. Brennende Lunge.

Gerade als Flecken in meinem Sichtfeld entstanden, die sich zu einer schwarzen Decke verbinden wollten, hörte ich eine Stimme, die ich hier als letztes erwartet hätte. Nelio, der sadistische Kampfsportlehrer. „Loslassen, Schattentraum.“

In meiner verschwommenen Sicht konnte ich noch erkennen, wie sich Isabellas Gesicht zu einer hässlichen Fratze verzerrte, ehe sie mich grob wegstieß. Ich stolperte und verlor das Gleichgewicht. Mein Hinterkopf knallte auf den Steinboden, wodurch Sterne vor meinen Augen explodierten. Ich japste nach Luft und versuchte halbblind auf die Füße zu kommen. Dabei bemerkte zu meinem Entsetzen, dass die schwarze Steinkugel aus meiner Kleidtasche nun auf Nelio zurollte.

Neben ihm stand Theresia und blickte mit vor den Rippen verschränkten Armen mimiklos zu Isabella und mir.

Ich starrte auf die Steinkugel, als könnte ich sie mit bloßem Willen verschwinden lassen.

Nelio beugte sich herab und griff danach. Augenblicklich verfärbte sich der Stein und zeigte ein winziges Abbild von Arcanos, der sanft aus der Kugel herauslächelte.

Wie schon Liam zuvor, ließ Nelio die Kugel augenblicklich fallen und sah ihr verstört hinterher. Bildete ich mir das ein, oder kroch eine subtile Röte seinen Hals herauf?

Der Lehrer riss seinen Blick von der Kugel los, die nun unter schwarzem Stoff verschwand und richtete seine Reptilienaugen auf uns. Der Zwischenfall hatte ihn nicht gnädiger gestimmt. Wenn überhaupt sah er nun noch viel grimmiger aus. Die Verstörtheit war verschwunden.

„Isabella Schattentraum. Solltest nicht gerade du es besser wissen? Wie kann eine Nachfahrin aus einer so mächtigen und ehrbaren Familie den Unterricht schwänzen … nur um einem normalen Menschen das Lebenslicht zu löschen?“

Bei ihm klang es so, als wäre das Schwänzen das eigentliche Problem.

Ich blinzelte die letzten Lichtflecken fort und hustete meinen Hals frei. Theresia nickte mir zu.

Dank ihr war Nelio hier und hatte mir das Leben gerettet. Nichts kam mir in diesem Moment so wichtig vor wie echte Freundschaft.

Nelio befahl Theresia ihm die Steinkugel zu bringen. Sie fand sie und transportierte sie eingewickelt in ein schwarzes Hemd zu ihm. Zu meinem Verdruss nahm der gruselige Reptilienmann die Kugel an sich und dachte gar nicht daran sie mir zurück zu geben. Stattdessen warf er mir einen intensiv misstrauischen Blick zu, bevor er sie in seine Hosentasche steckte. Jetzt würde ich sie nie untersuchen können. Wobei ich langsam eine Ahnung davon hatte, was das Ding tat.

Am Ende der Nacht lag ich neben Liam auf meinem Bett. Von der Prüfung, dem Unterricht und der Nachhilfe waren sowohl mein Gehirn als auch mein Körper völlig erschöpft. Mal wieder. Mein Hals tat immer noch weh und meine Stimme war rau. Ich musste wirklich aufpassen, dass ich meine Reserven nicht vollends ausschöpfte und irgendwann zusammenbrach.

Mit der heutigen Nacht lagen drei Prüfungen hinter mir – Giftmischen Theorie, Giftmischen Praxis und Logik und Kreatives. In zwei von dreien hatte Isabella wahrscheinlich weitaus besser abgeschnitten als ich. Mein Glück dass beide Giftmischen-Prüfungen zu einem Ergebnis zusammengezählt wurden und nur ein Fach repräsentierten. Dennoch – eins zu null für sie. Ein Rückstand, den ich aufholen musste, wenn ich meine Freiheit wieder gewinnen wollte. Ich hatte vier Fächer – Beschwörung, Kampfsport, Giftmischen, Logik und Kreatives. In Giftmischen hatte Isabella mich geschlagen und in Logik und Kreatives waren wir beide gleichschlecht gewesen. Blieben noch Beschwörung und Kampfsport übrig.

Aus dem Augenwinkel sah ich zu Liam – er war eingeschlafen. Ich betrachtete seine Gesichtszüge und fragte mich, wann diese unsägliche Anziehung entstanden war, die ich nicht gebrauchen konnte.

Als ich erwachte, fühlte mein Kopf sich an wie mit Wolle ausgestopft. Mein Hals schmerzte noch immer.

Wie üblich stand Theresia in der Tür und befahl uns aufzustehen. Wie üblich weigerte sich mein schlaftrunkenes Ich dieser Aufforderung sofort nachzukommen. Stattdessen zog ich mir die müffelnde Bettdecke über den Kopf und drehte mich weg.

Die Matratze wankte unter mir. Liam stand auf und gähnte herzhaft.

Eine Hand packte mich an der Schulter und rüttelte unsanft. Dann entzog man mir die Decke mit Gewalt. Theresia war weitaus stärker, als man annehmen sollte.

In ihren Augenhöhlen glomm ein verräterischer roter Schein. „Wir brauchen einen Plan – es sind nur noch Beschwörung und Kampfsport als Prüfungen übrig! Du musst Isabella vernichten!“

Ihre Worte weckten die Sorgen und trugen sie zurück in meinen erwachenden Geist. Mein Brustkorb zog sich schmerzhaft zusammen und fühlte sich zu eng an. Eigentlich hatte ich gar keine Chance.  Aber ich musste gewinnen. Ich musste, musste, musste!

Liams Stimme erklang. „Ihr versucht immer noch Isabella zu sabotieren?“

„Sie sabotiert uns doch genauso!“, feuerte das Skelett zurück und stemmte die geballte Faust auf ihren Hüftknochen.

Mein Begleiter gab ein genervtes Seufzen von sich. „Deshalb muss man nicht Feuer mit Feuer bekämpfen. Das führt nur zu Flächenbrand.“

Theresia klackerte ärgerlich mit dem Kiefer, ehe sie bissig erwiderte: „Deine hohe Moral in allen Ehren. Aber fällt dir vielleicht eine bessere Lösung ein? Wenn Nora verliert, wird sie niemals nach Hause kommen.“

Ich betrachtete Liam, der aussah als würde er gleich explodieren. „Als ob es dir um sie geht! Du willst einfach nur Isabella fertig machen.“

Da hatte er wahrscheinlich recht, aber es beantwortete nicht die eigentliche Frage. Gab es denn eine andere Möglichkeit? Denn durch reines Können war ein Sieg unmöglich. „Und kennst du eine andere Lösung?“ Meine Stimme klang als wäre sie über eine Reibe gezogen worden. Stimmloses Krächzen. Jedes Wort schmerzte. Danke, Isabella.

Seine sturmgrauen Augen brannten sich an mir fest. „Nein“, gab er zu. „Du solltest dein Bestes geben und das Ergebnis annehmen, wie es kommt. Wahrscheinlich wäre es sowieso besser für dich hier zu bleiben.“

Typisch. Zorn flackerte in meiner Brust auf. „Ich kann mich nicht einsperren lassen! Das ertrage ich nicht. Wieso kriegst du das nicht in deinen Dickschädel?“ Das Sprechen brannte in der Kehle und die Worte kamen viel leiser heraus als beabsichtigt, kaum mehr als Hauchen.

Liam verdrehte die Augen und griff demonstrativ nach seinem Buch. Allerdings konnte er sich eine Antwort auch nicht verkneifen. „Du hast dich sechzehn Jahre lang einsperren lassen. Offenbar kannst du es also ertragen.“ Damit öffnete er den Thriller und las.

Mistkerl. Schließlich hatte ich nie darum gebeten zwei Kontrollfreaks als Eltern zu bekommen! Mit sich einsperren lassen hatte das ja wohl gar nichts zu tun. Ich wandte mich Theresia zu. Nur noch ein Flüstern ließ sich meinem Hals abringen: „Wir brauchen einen Plan.“

Die Nacht spielte sich ab wie immer. Frühstück, Unterricht, Mittagessen, Unterricht, Nachhilfe, Abendessen. Einer Idee wie ich Isabella in Beschwörung Kampfsport besiegen konnte, kam ich dabei kein bisschen näher.

Kurz vor Sonnenaufgang lag ich bereits im Bett und blinzelte gegen die Müdigkeit an. Liam saß auf meinem Schreibtischhocker und war in seinem Buch versunken. Mein verwirrtes Herz fürchtete sich vor dem Ergebnis der Prüfungen. Eigentlich hatte ich gar keine Chance zu gewinnen, aber mein Geist befahl, dass ich es trotzdem schaffen musste. Nur hatte ich den Verdacht, dass diese Tatsache womöglich nicht der einzige Grund dafür war, dass mein Herz so schnell klopfte.

Wenn Liam so da saß wie jetzt, fiel es mir schwer mich daran zu erinnern, wieso ich ihn nicht an mich heranlassen sollte. Mein dummes Herz begehrte ihn. Wollte seine Nähe, wollte sich sicher fühlen. Er gab mir ein Gefühl von Sicherheit. Versunken in das Buch wirkten seine Gesichtszüge nicht mehr so hart und kompromisslos, sondern weich. Selbst seine riesigen Flügel, die hinter seinem Rücken aufragten, störten mich nicht mehr. Verdammt, es durfte doch nicht sein, dass ich mich ausgerechnet zu meinem halbdämonischen Entführer so hingezogen fühlte. Wo sollte das hinführen?

Als hätte er meinen Blick gespürt, sah Liam von dem Buch auf und erwiderte meinen Blick. Eine seiner geschwungenen Augenbrauen zog sich fragend in die Höhe. Er sah immer noch grimmig aus von dem Streit nach dem Aufstehen.

Ohne etwas dagegen tun zu können, stieg mir Hitze ins Gesicht und ich drehte mich auf den Rücken, in der Hoffnung, dass er in Lumis Lichtschein nicht sehen konnte, dass ich rot wurde.

„Was ist?“

Ich seufzte. „Nichts. Ich habe nur darüber nachgedacht, wie ich in Beschwörung besser werden kann.“ Mein letzter Versuch Magie in einen Gegenstand zu bannen hatte in einer explodierenden Teekanne geendet.

Ein Schnauben ertönte. „Du erwartest nicht ernsthaft, dass ich dir das abkaufe.“

Mein Herzschlag beschleunigte sich. Das Pochen konnte ich im Brustkorb deutlich spüren. Besser ich schlief einfach ein. Morgen war eine neue, anstrengende Nacht. Aber mein verräterischer Mund sprach ohne meine Erlaubnis. „Mir ist kalt.“

Für einen Moment war es still. Ich kniff die Augen zusammen und zog meine Decke fester um mich.

Ein Knarzen ertönte. Die Matratze unter mir schwankte, als Liam sich neben mich legte.

Ich riss die Augen auf und wollte klar stellen, dass ich damit nicht gemeint hatte, dass wir kuscheln sollten. Aber jetzt hatte mein treuloses Mundwerk natürlich nichts mehr zu sagen. Mir fehlten die Worte. Na gut, vielleicht hatte ich eigentlich genau das damit sagen wollen.

Liam schlang die Arme um mich und zog mich eng zu sich heran.

Die Wärme und der Geruch hüllten mich ein wie ein sicherer Kokon. In meinem Bauch zogen sich alle Muskeln köstlich zusammen. Ich wollte noch mehr. So viel mehr. Aber-

Das war nicht richtig. Das war nicht das, was ich tun sollte. Aber der Körperkontakt fühlte sich so gut an.

Genervt von meinen widerstreitenden Gefühlen kniff ich die Augen zusammen und wünschte mich in den Schlaf. Der nicht kam. Mein Herz klopfte freudig aufgeregt und Glückshormone tanzten durch meine Adern.

Nach einer Weile ergriff mein Begleiter das Wort. Einer seiner Daumen begann dabei kleine Kreise auf meiner Schulter zu zeichnen. „Warum musst du unbedingt zurück?“ Der Klang seiner Stimme lenkte mich fast vom Inhalt der Worte ab. Fast.

Ich seufzte. Wie oft sollten wir das noch ausdiskutieren? Er würde mich ja ohnehin nie verstehen. Am Besten ließ ich die Angelegenheit auf sich beruhen. Einen Moment lang schwieg ich darüber. Doch dann konnte ich den Drang mich zu erklären und verstanden zu werden nicht länger unterdrücken. „Ich kann einfach nicht eingesperrt sein. Es geht nicht darum, dass ich hier unglücklich bin oder lieber Zuhause wäre. Es geht einfach darum, dass man mich für die nächsten Jahrzehnte gefangen halten will. Wenn ich dem Meister der Finsternis diese Jahre schulde, dann bestimmt er doch über mein Leben. Das geht einfach nicht. Das ertrage ich nicht.“ Ich holte tief Luft. „Außerdem mache ich mir Sorgen wegen meinen Eltern und meiner besten Freundin. Die glauben doch bestimmt, ich wurde entführt. Wer weiß welche Horrorszenarien sie sich ausmalen. Vielleicht glauben sie ich werde von einem Psychopathen im Keller gefangen gehalten und missbraucht oder sonst was. – Niemand soll wegen mir leiden.“

Innerlich fuhr ich meine Schilde hoch, um den Widerspruch zu ertragen, der nun folgen musste. Aber er kam nicht. Für einen sehr langen, sehr lauten Moment blieb es unerträglich still. Der Daumen zog weiter Kreise auf meiner Schulter und diese Berührung trieb mich zusätzlich in den Wahnsinn. Sie entzündete ein Brennen und … ein Verlangen. Doch dagegen kämpfte ich an. Keine-Liebesbeziehung-zu-einem-Halbdämon-der-mich-entführt-hatte!!!

„Ich will nicht, dass du gehst. Ich will dass du bei mir bleibst.“ Die Worte waren so leise. Wie ein Traum, aus dem man jeder Zeit unsanft herausgerissen werden konnte. Hatte er das gerade wirklich gesagt?

Alle Bedenken über Bord werfend kuschelte ich mich näher an Liam und schlang einen Arm um seinen warmen Rumpf. Wem wollte ich hier eigentlich etwas vormachen? Ich war doch längst Hals über Kopf in diesen Idioten verliebt. Am liebsten hätte ich ihn geküsst. Oder wäre geküsst worden.

Doch der Moment war so intim und zerbrechlich… dass das vielleicht zu viel gewesen wäre. „Ich will auch, dass du bei mir bist“, flüsterte ich so leise, dass es vielleicht niemand hörte außer mir selbst.

Nächstes Kapitel (sobald online):

https://gedankenpilze.com/?p=2429

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