Siebzehntes Kapitel: Wahrheit und Gifttest

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Er sah mich abwartend an. „Und weiter? Was ist dann passiert?“

„Nichts und dann. Ich bin bei ihr eingebrochen und habe sie bestohlen.“ Das Geständnis machte meine Zunge ganz schwer. Nicht weil ich ein schlechtes Gewissen hatte – was ich sicherlich haben sollte – sondern weil ich mich damit so angreifbar machte. Ich lieferte Liam Munition, um mir Ärger einzuhandeln.

Mein Begleiter starrte mich an. Dann brach er in Gelächter aus. Lautes Lachen, das seinen ganzen Körper erbeben ließ und in der kleinen Kammer viel zu laut klang.

Irritiert sah ich dabei zu, wie er sich kaum wieder einkriegen konnte. Buchstäblich krümmte er sich vor Lachen. Es steckte wirklich ein anderer Liam in ihm, als den, den er mir seit Beginn unserer Bekanntschaft zeigte.

„Das ist dein großes Geheimnis? Nora! Ich dachte du hättest jemanden umgebracht!“

Gegen meinen Willen breitete sich ein Lächeln in meinem Gesicht aus. Vertrauen war der richtige Weg. „Also… Du verrätst es niemandem. Richtig?“

Er neigte seinen Kopf von einer Seite auf die andere, als wäre das etwas, worüber er lange nachdenken müsste. Schließlich nickte er. „Ich verspreche es. Und dafür schlafe ich weiterhin in deinem Bett.“

Ich rollte mit den Augen und versuchte, dadurch zu überspielen, wie mein Herzschlag Fahrt aufnahm. Dummer, hormongesteuerter Körper.

Liam setzte sich wieder auf mein Bett und beobachtete mich dabei, wie ich endlich die Notizen aus meinem Kleiderschrank holte und die saubere Handschrift überflog.

„Das als Unterhosen zu benutzen kann nicht bequem sein.“

„Halt die Klappe.“ Ich unterdrückte ein Grinsen.

„Es ist wirklich unglaublich, wie du all diesen Wirbel um Lernzettel machst. Wenn ich irgendwo einbrechen würde, würde ich mehr stehlen als ein bisschen Papier.“

Der Gedanke an das Handy blitzte auf, doch ich verdrängte das Bild so schnell, wie es gekommen war. Unschuldig sah ich zu ihm auf. „Ach ja? Was denn?“

Er lag auf der Seite, den Kopf auf eine Hand gestützt. „Geld? Etwas Wertvolles vielleicht… oder Nacktfotos.“

Meine Wangen wurden warm, was ich aber ignorierte. „Nicht jeder besitzt Nacktfotos von sich selbst. Schließ nicht einfach von dir auf andere.“

Er grinste. „Schade. Von Isabella hätte ich gerne welche.“

Igitt. Ich senkte meinen Blick auf die Notizen und las weiter. Kein Platz für Gefühle!, schärfte ich mir selbst ein.

„Ignorierst du mich jetzt?“

Einfach weiterlesen.

Er stöhnte genervt. „Das Leben mit dir ist wirklich ziemlich langweilig.“

Ich konzentrierte mich auf den Text und tat so, als hätte ich ihn nicht gehört.

Seit der Sache mit ihren Haaren warf Isabella jeder von uns misstrauische Blicke zu, doch sie schien noch immer nicht zu wissen, dass ich ihre Notizen und ihr Handy gestohlen hatte und bei der Sabotage ihres Shampoos dabei gewesen war.

Die Zeit bis zu den ersten Prüfungen raste dahin. Auf der einen Seite lernte ich so viel wie möglich, auf der anderen versuchte ich dabei nicht auszubrennen. Wenn ich einen Burn-Out bekam, war ich schon so gut wie gescheitert. Liam war ständig in meiner Nähe und ging dazu über, Romane mit sich herumzuschleppen, mit denen er sich die Zeit vertrieb. Vor allem Horrorromane. Das machte mich neidisch – ich las für mein Leben gern, wenn auch kein Horror – aber ich musste lernen.

Was es mit der Steinkugel auf sich hatte, wusste ich noch immer nicht. Wenn ich sie berührte, zeigte sie meistens Liam und mich zusammen. Zusammen-zusammen. Als knutschendes Pärchen oder händchenhaltend. Ihn ließ ich das nicht sehen.

Manchmal sah ich darin auch mein Zuhause. Manchmal mich selbst, wie ich in der freien Natur unterwegs war. Allein. So eine Freiheit wagte ich mir nicht einmal in meinen Träumen auszumalen. Zeigte die Kugel die Zukunft? Oder meine geheimen Wünsche, die ich mir nicht mal vor mir selbst eingestehen wollte?

Meistens trug ich die Steinkugel in meiner Kleidtasche mit mir herum. Hoffentlich würde sich mir Zeit und Gelegenheit bieten endlich zu erfahren, was es damit auf sich hatte. Außerdem fürchtete ich mich davor, dass jemand mein Zimmer durchsuchen könnte und sie mir stahl.

Liam und ich teilten uns das Bett, doch es geschah nichts Bemerkenswertes dabei. Leider blieb auch das wärmende Kuscheln eine einmalige Sache. Natürlich redete ich mir ein, dass es ohnehin besser so war, aber es war ein lahmer Versuch gegen die Anziehungskraft anzukommen, die er auf mich ausübte.

Isabella fand entweder nicht heraus was Theresia und ich getan hatten oder sie wartete noch bis sie zurückschlug.

Der vermutlich beste Tag seit meiner Entführung war eine Kampfsportstunde, in der Isabella Nelio etwas vorführen sollte und kein einziges der Ausweich- oder Angriffsmanöver absolvieren konnte, die ihr sonst so leicht fielen.

Fassungslos beobachtete ich mit den anderen wie sie sich immer wieder in die falsche Richtung bewegte und irgendwann über ihre eigenen Füße stolperte.

Es dauerte, bis ich erkannte was los war. Ihr Kleid. Das Kleid enthielt ihren eigenen Tollpatschigkeitszauber, denn Theresia hatte den Zauber hineingenäht. Die Erkenntnis beschleunigte meinen Herzschlag. Meine Gefühle waren ein Wirrwarr. Durfte ich mich darüber freuen? Schämte ich mich? Tat sie mir leid?

Isabellas Kopf hatte ein verlegenes Rot angenommen, während sie sich wieder aufrichtete. Nette Lehrer hätten eingesehen, dass man mit dieser Schülerin heute gar nichts vorführen konnte und sie zurück auf ihren Platz geschickt.

Nelio war aber kein netter Mann. Auf seinem grimmigen Gesicht lag die Andeutung eines Stirnrunzelns, doch er ließ Isabella wieder und wieder das selbe Ausweichmanöver ausführen, wobei ihr jedes mal ein anderer Patzer unterlief. Das schien ihn zu belustigen.

Nach meiner anfänglichen Erheiterung und dem Gefühl gerechter Rache schlugen meine Emotionen nun um in Mitleid. Ein bisschen Demütigung tat Isabellas aufgeblasenem Ego vermutlich gut, aber der Kampfsportlehrer übertrieb wie immer maßlos.

Irgendwie war es einfach nicht fair. Wenn man Feuer mit Feuer bekämpfte – entzündete man damit nicht ein Inferno?

Die erste Prüfung hatten wir in Giftmischen. Die Hälfte war theoretischer Natur und die andere Hälfte praktischer.

Da ich mich noch gut daran erinnerte, dass Isabella angedroht hatte jemandes – vermutlich meinen – Stift zu verhexen, hatte ich meinen bevorzugten Füllhalter mit einem Zauber belegt, der andere Zauber auf ihn auslöschen sollte.

Ich begab mich in den Turm der Giftmischerin, wo die meisten meiner Klassenkameradinnen schon an ihren Plätzen saßen. Auch ich begab mich an den Platz an dem ich immer saß.

Mein Kopf zählte in einer panischen Endlosschleife die Gifte und ihre Eigenschaften auf, mit denen wir uns in den letzten Wochen befasst hatten. Obwohl ich nur einen Test schrieb, klopfte mir das Herz bis zum Hals und Feuchtigkeit bildete sich auf meiner Stirn. Ich musste diese Klausur als Beste bestehen. Sie war ein Baustein auf meinem Weg zur Freiheit. Ich musste die Beste sein. Unbedingt.

Als alle an ihren Plätzen saßen, teilte die gebrechlich aussehende Ylva unsere Tests aus.

Meine Augen fraßen sich an den Buchstaben fest. Nur langsam entspannten sich meine Schultern. Ich kannte die Antworten. All das verdammte Lernen hatte sich gelohnt!

Ein Lächeln zupfte an meinen Lippen. Ich griff nach meinem Füllhalter und schrieb drauf los.

Schnell begann mein Lächeln zu bröckeln. Das was ich schrieb, war nicht das, was auf dem Papier entstand. Dabei hatte ich meinen Stift extra gegen Zauber präpariert.

Ich starrte zu Isabella hinüber, die mich beobachtete und ein breites Grinsen auf dem Gesicht trug. Dieses Miststück. Wie hatte sie das gemacht?

Ich räusperte mich, um Ylvas Aufmerksamkeit zu bekommen. Die Lehrerin warf mir einen unwirschen Blick zu. „Was ist?“

„Könnte ich bitte einen anderen Stift haben?“

Isabella und ihre Freundinnen kicherten leise, was mir die Hitze ins Gesicht trieb. Sie wussten Bescheid.

Die Lehrerin schien über meine Bitte äußerst irritiert zu sein, schlenderte aber schließlich zu einem der schmalen Regale und kam mit einem Kohlestift zu mir zurück.

Dankbar nahm ich ihn entgegen und versuchte die Worte der Tinte wegzustreichen. Doch der Stift hinterließ keine Spur. Stattdessen entstanden neue Worte aus Kohle. Ich bin so dumm, dass ich nicht einmal eine einzige Giftpflanze kenne. Fliegenpilz. Fliegenpilz. Fliegenpilz.

Egal wie oft ich versuchte die Worte durchzustreichen, es entstand nur noch mehr Unsinn.

Vor Wut brannten meine Augen und Tränen sammelten sich darin. Es konnte doch nicht sein, dass all die Lernzeit, die ich investiert hatte, jetzt durch so einen dummen Streich entwertet wurde.

Ich sah zu der Lehrerin auf, die sich einem Buch zugewandt hatte und räusperte mich wieder.

Sie schloss ihr Buch mit einem Knall und sah verärgert zu mir herüber. „Was ist?“

Eine einzelne Träne rollte über meine Wange und ich wischte sie hastig mit meinem Ärmel weg. „T-tut mir leid aber … mein Test muss verhext sein. E-egal was ich zu schreiben versuche … es kommt nur Blödsinn dabei heraus.“ Meine Stimme klang verzagt und kündete deutlich davon wie sehr Isabellas Streich mich innerlich getroffen hatte. Das Kichern um mich herum schwoll an.

Ylva runzelte die Stirn, blickte in die Runde ihrer Schülerinnen. Was sie dachte, konnte man ihr nicht ansehen. Sie stand auf, schlenderte zu mir, zog mir den Test weg und las die Worte.

Ich wünschte der Erdboden würde sich unter mir auftun.

„Hmmm“, war alles, was sie dazu sagte. Sie drehte sich um, holte einen frischen Test und legte ihn mir vor die Nase. „Schreib etwas“, befahl sie mir.

Ich blinzelte den Schleier vor meinen Augen weg und schrieb mit dem Kohlestift Convallaria majalis. Doch stattdessen entstand auf dem Papier Ich bin es nicht wert am Leben zu sein. Man konnte genau sehen, dass der Stift nicht das schrieb, was ich geschrieben hatte.

„Interessant.“

Isabellas Jüngerinnen brachen in Gelächter aus.

Ich starrte auf den Zettel vor mir und versuchte die Tränen zu verdrängen. Mein Körper hörte einfach nicht auf mich.

Ylvas Stimme schnitt durch den Raum wie die Klinge eines kalten, scharfen Messers. „Maeva, tausch mit Nora den Platz.“

Schlagartig herrschte Stille. „Aber, Meisterin Ylva…“

Ich wagte es zu der Giftmischerin aufzublicken, die entschieden den Kopf schüttelte. „Plätze tauschen.“

Erleichtert erhob ich mich.

Maeva warf mir einen Blick zu, der töten konnte. Ihr Begleiter – eine Fledermaus mit hufeisenförmiger Nase – fiepte protestierend. Trotzdem erhob sich das Mädchen widerwillig. Maeva nahm ihre Klausur mit. Als sie sich an mir vorbeischob, zischte sie mir zu. „Das wirst du mir büßen.“

Darüber machte ich mir jetzt keine Sorgen. Isabella und ihre Gefolgsleute – also einschließlich Maeva – waren selbst schuld! Niemand hatte sie dazu gezwungen meinen Test zu sabotieren.

Ich ließ mich auf Maevas Platz nieder. Ylva gab mir einen frischen Test und ihren Kohlestift.

Das ganze Theater hatte mich wertvolle Zeit gekostet. Obwohl ich nun schrieb wie eine Besessene – endlich erschienen auf dem Papier tatsächlich die Buchstaben, die ich schrieb – wurde ich mit dem Test nicht fertig und hatte auch keine Zeit meine Antworten Korrektur zu lesen.

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