Fünfzehntes Kapitel: Geheime Wege

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Tipp: Finde alle Kapitel über das Schlagwort „Nora’s Halloween“ – x

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Mit meiner Konzentration war es nicht zum Besten bestellt. Liam saß mittlerweile auf dem Boden und lehnte mit dem Rücken gegen die Wand. Seine Augen fielen ihm immer wieder zu. Irgendwann schien er einfach eingeschlafen zu sein.

So leise wie möglich erhob ich mich von meinem Sessel und tauchte zwischen die Regale ein, ehe mich jemand bemerkte. Ich suchte mir eine ruhige Ecke, wo ich mich wieder nieder ließ und das Lehrbuch aufschlug.

In dem Buch, das ich mir ausgesucht hatte, ging es im ersten Kapitel darum, wie wichtig es war, nur Begleiter zu beschwören, die man beherrschen konnte. Ha ha. Zu spät.

Das zweite Kapitel hingegen handelte davon sich seinen Begleiter zu unterwerfen. Es gab eine Hand voll Zwangzauber, Schmerzenszauber und den Hinweis darauf, dass man den Hunger eines Dämons nach beseelten, irdischen Lebewesen dazu nutzen konnte. Nichts davon wollte ich Liam antun.

Es gab einen Zauber, der dafür sorgte, dass der Begleiter über eine bestimmte Sache nicht sprechen konnte – mit niemandem. Wenn er es versuchte, blieb ihm die Luft weg. Dann könnte Liam mich nie verpetzen.

Oder einen anderen, der es dem Begleiter unmöglich machte, den Zauberer anzugreifen und ihn dazu zwang, den Zauberer vor jeder anderen Bedrohung zu bewahren. Auf diese Art und Weise könnte ich mir sicher sein, dass er sich nicht auf Isabellas Seite schlug und mir in den Rücken fiel. Er könnte mich nicht mehr fressen.

Die Versuchung war größer als mir lieb war. Ich war mein Leben lang kontrolliert worden und hätte nie gedacht, dass ich dazu in der Lage war, das jemand anderem anzutun. Die Alternative zu diesen Zwangzaubern war pures Vertrauen, das allzu leicht missbraucht werden konnte. Vor allem, wenn man einen so manipulativen, attraktiven Feind hatte wie Isabella. Würde Liam sich von ihr einwickeln lassen?

Ich seufzte und blätterte zum dritten Kapitel vor. Wer war ich, wenn ich meine eigenen Grundsätze so schnell über Bord warf? Ich überflog das Kapitel und schloss das Buch dann.

Abermals zog ich los durch die Bibliothek, auf der Suche nach etwas, das mir weiterhelfen konnte. Meine Wahl fiel auf „Grundsätze der Beschwörung“. Ich griff danach und erblickte dabei ein Buch, dessen Titel ich nicht verstand. In den schwarzen Einband des Buchrückens waren goldene Symbole gestanzt. Fasziniert strich ich darüber und wollte das Buch herausziehen – aber es klemmte fest. Ich rüttelte und zog ein wenig fester, woraufhin ein merkwürdiges Geräusch ertönte. Ein Klacken.

Das Regal schwang auf mich zu und glitt dann zur Seite.

Zum Vorschein kam ein schmaler Gang, der zwischen die deckenhohen Regale gebaut worden war. Er führte sowohl nach links als auch nach rechts. Peinlich berührt sah ich mich um, doch niemand hatte mich gesehen.

Mein vernünftiges Ich riet mir dazu, das Regal an seinen Platz zurückzuschieben und so zu tun, als wäre nichts geschehen. Mein neugieriges Ich verlangte, dass ich herausfand, wohin der Gang führte. Ich könnte irgendetwas finden, das mir half, meine Wette zu gewinnen. Einmal tief durchatmen.

Meine Entscheidung war getroffen. Ich betrat den Gang und wandte mich nach rechts. Es war stockdunkel, doch ich tastete mich voran. Solche Gänge baute man doch nicht ohne Grund! Während ich Schritt für Schritt voranging, schossen mir die Gedanken durch den Kopf. Wer hatte diesen Geheimgang angelegt? Zu welchem Zweck? Wohin führte er? Wurde er oft benutzt? Mir wurde bewusst, dass es kaum Spinnweben gab. Also kam hier entweder öfter jemand vorbei, oder es gab einen Zauber, der den Gang sauber hielt.

Ich gelangte an eine Ecke. Nun war die Wand an einer Seite aus Stein und an der anderen nach wie vor aus Holz. Ich ging weiter und immer weiter. Nach einigen weiteren Abzweigungen wurde es allmählich heller. Dämmriges Licht drang zu mir durch.

Da nichts zu hören war, schlich ich auf das Licht zu. Schließlich war ich nahe genug, um zu erkennen, dass der Gang in einen Raum voller Bücherregale führte. Im Ernst? Es gab in einer Bibliothek einen Geheimgang, der zu einem Bücherzimmer führte? Enttäuschung sackte mir in den Bauch und die Füße. Ich hatte mit etwas Spektakulärerem gerechnet.

Niemand war hier. Ein gigantischer Kerzenleuchter hing von der Decke an einer schweren Eisenkette. Vor meinem Eintreten hatten nur wenige Kerzen geleuchtet, doch beim Übertreten der Schwelle waren alle aufgeflammt.

Ich sah mich um. Hier gab es nichts außer Büchern, einem Lesepult und einem Sessel. Dennoch sah ich mir die Bücher genauer an. Die meisten wirkten alt. Verblichenes Leinen und Leder, lose herausschauende Blätter in tiefer Vergilbung. Die meisten von ihnen hatten Titel in fremden Sprachen. Schließlich fand ich eines auf Deutsch und zog es aus dem Regal – „Magie und Schattenwelt“.

Vielleicht sollte ich es woanders lesen. Aber dann würde Liam es mitbekommen und Isabella womöglich auch. Wenn ich einfach nur kurz mal reinschaute, konnte ich das auch hier tun.

Das Buch berichtete davon, wie die Chaoswelt und die Menschenwelt sich hin und wieder vermischten. Wenn es geschah, entstanden gefährliche, magische Wesen. Wie zum Beispiel Werwölfe, Incubi und Kobolde. Ich runzelte über diese Worte die Stirn.

War die Chaoswelt auf einem anderen Planeten oder handelte es sich eher um eine parallele Dimension?

Außerdem berichtete das Buch davon, wie chaotisch es war, dass es so viele Hexenmeister gab, die sich gegenseitig bekriegten. Der Autor führte Schlachten auf, von denen ich noch nie gehört hatte. Zu der Zeit, in der dieses Buch verfasst worden war, hatte es eine Unmenge an Meistern gegeben. Im Norden kämpften zwei besonders mächtige erbittert gegeneinander. Leviathan und Drako.

Verblüfft ließ ich das Buch sinken. Leviathan war der Meister der Finsternis und wer mit Drako gemeint war, konnte ich leicht erraten. Irgendwie hatte der Meister der Finsternis es geschafft, den Drachen und seine Anhänger zu besiegen.

Die Schattenwelt wie ich sie kennengelernt hatte, wurde einzig und allein vom Meister der Finsternis beherrscht. Gab es heutzutage überhaupt noch andere Hexenmeister? Hatte er alle anderen besiegt? Und wenn man mächtige Hexenmeister besiegen konnte – konnte ich den Meister der Finsternis dann stürzen? Rein theoretisch gesehen. Ich schüttelte den Gedanken ab, so gut es ging. Es war absurd. Wie sollte jemand wie ich es schaffen, jemanden wie ihn zu besiegen?

Schritte waren zu hören.

So schnell ich konnte, stellte ich das Buch an seinen Platz zurück. Wohin sollte ich fliehen? Wenn ich in den Gang lief, würde ich dem Ankömmling direkt in die Arme laufen. Ich sah mich um. Gab es hier denn kein Versteck? Ich rückte den Lesesessel etwas mehr in die Ecke und kletterte hinter die Rückenlehne, wo ich mich zusammenkauerte. Dass es verboten war, in ein geheimes Bücherzimmer einzudringen, konnte ich mir denken, auch wenn bislang niemand diese Regel ausgesprochen hatte. Meine Sehnen protestierten gegen die zusammengekauerte Haltung, mein Herz raste und ich gab mir größte Mühe leise zu atmen.

Die Schritte waren so nah, dass der Neuankömmling bestimmt schon im Raum war. Sah er mich? Hörte er mich? Die Person schlenderte durch den Raum. Sie bewegte eines der Bücher und kam auf mich zu. Der Sessel quietschte.

Ich spähte ganz langsam nach oben und sah ein paar schwarze Haarsträhnen, die über die Lehne hinausragten. Wieso noch mal hatte ich gedacht, es sei eine gute Idee, diesen Geheimgang auszukundschaften? Mit jeder Sekunde fürchtete ich, entdeckt zu werden. Doch nichts dergleichen geschah. Anscheinend hatten sie dem vollbeleuchteten Kerzenleuchter keine Beachtung geschenkt.

Die Zeit zog sich zäh dahin. Ich wagte nicht, mich zu bewegen oder mich auf etwas anderes zu konzentrieren, als darauf leise zu atmen. Der Schmerz breitete sich langsam immer tiefer in mir aus. Wie lange konnte ich es durchhalten hier zu verharren? Es wäre schön, einen Unsichtbarkeitszauber wirken zu können, in Kombination mit einem Stillezauber. Dann könnte ich mich einfach hinausschleichen. Oder ein Teleportationszauber, der mich von jetzt auf gleich irgendwo anders hinbrachte. Das war natürlich alles Quatsch. Ohne Liam konnte ich nicht zaubern. Mit Liam hätte ich mich allerdings auch nicht hinter diesem Sessel verstecken können. Wenn er hier gewesen wäre, hätte ich sofort reagieren müssen. Zaubern, bevor die Person den Raum betrat. Ob mir in so kurzer Zeit die richtigen Zauber eingefallen wären, stand auf einem anderen Blatt. Und diese Gedanken brachten mir nichts. Liam war nicht hier.

Der Sessel quietschte. Schritte entfernten sich. Immer weiter und weiter weg.

Die Erleichterung trieb mir Tränen in die Augen. Trotzdem wartete ich noch ab, bis ich lautlos bis hundert gezählt hatte, ehe ich es wagte, mich zu befreien. Als das Blut zurück in meine Glieder schoss, keuchte ich und klammerte mich an dem Sessel fest.

Sobald der Schmerz abebbte, kletterte ich über das Möbelstück hinweg und betrat den Gang.

Mit gespitzten Ohren lief ich voran. Der Weg kam mir diesmal länger vor. Ich hörte Stimmen von jenseits der hölzernen Wände. Isabella.

„Dieser Wettbewerb darum wer das Halbjahr als Beste abschließt, macht überhaupt keinen Sinn! Die Einzige, die dafür in Frage kommt – die Einzige, die dafür vorgesehen ist – bin ich!“

Jemand sagte etwas, doch er war wohl weiter vom Regal entfernt, so dass ich die Worte nicht verstehen konnte.

„Die ist kein Problem. Ich werde sie so fertig machen, dass sie nicht nur den Wettkampf verliert, sondern als Person gebrochen wird!“

Eine Gänsehaut kroch mir die Nacken hoch. Was war das bitte für eine Psychopathin?

Jemand sprach, ohne dass ich etwas verstand. Isabella antwortete.

„Ganz einfach. Wir müssen demnächst einige Tests schreiben. Und ich glaube, eine ganz bestimmte Person wird sich noch sehr darüber wundern, welche Worte ihre Stifte aufs Papier bringen.“

Leises Gelächter folgte, ehe Isabella wieder sprach. „Wir gehen in den Speisesaal. Wenn ich noch eine Minute länger in dieser grauenhaften Bibliothek sein muss, sterbe ich vor Langeweile.“

Daraufhin hörte ich gar nichts mehr.

Schließlich schüttelte ich den Kopf. Mit diesem Mädchen stimmte doch was nicht. Aber ich würde mich nicht so leicht unterkriegen lassen, wie sie offenbar dachte. Immerhin hatten auch Theresia und ich noch einige böse Überraschungen geplant.

Ich setzte meinen Weg fort und wunderte mich allmählich darüber, dass er einfach nicht endete. Schließlich wurden die hölzernen Wände wieder von Steinwänden abgelöst. Das ließ nur einen Schluss zu: Mein Eingang durch das Regal war verschlossen worden. Von innen konnte ich ihn nicht finden. Okay, keine Panik. Es musste einen anderen Ausgang geben. Ich ging einfach weiter und tastete dabei aufmerksam die Wände ab, in der Hoffnung einen Mechanismus zu finden, der einen Ausgang öffnete. Schließlich gab es eine Öffnung in der Steinwand, die von einer großen Holzplatte verschlossen wurde. Hier gab es bestimmt eine Möglichkeit aus dem Gang herauszukommen. Ich tastete die Platte ab, konnte aber nichts finden. Meine Hände glitten über den Boden davor und den Stein am Rand. Es musste doch irgendeinen Mechanismus geben. Schließlich stemmte ich die Hände gegen das Holz und schob mit aller Kraft.

Tatsächlich gab die Platte nach und Licht strömte zu mir, blendete mich im ersten Moment. Ein mechanisches Geräusch ertönte und die Platte schwang zur Seite.

Ich war im Beschwörungsraum angekommen. Durch die Fenster konnte ich die alles verschlingende Schwärze sehen, die mit dem Tag einherging. Im Raum brannten Kerzen, die in flackerndes Licht ausstrahlten. Mittendrin stand Wolf – einen Eimer in der einen Hand und einen Lappen in der anderen. Er starrte mich entgeistert an.

Ich atmete auf, trat aus dem Gang und schob mit aller Kraft das Regal zurück an seinen Platz. Dabei fiel ein kleiner Gegenstand heraus und rollte über den Boden.

„Wo kommst du her?“

Ich drehte mich zu Wolf um, der gerade den Eimer abstellte und nach dem Gegenstand griff. Es war eine Kugel aus schwarzem Stein mit dunkelblauer Maserung. Sobald seine Finger die Kugel berührten, änderte sich jedoch die Farbe. Sie sah nun aus wie eine Glaskugel mit einer kleinen Gestalt darin. Ein Junge, der große Ähnlichkeiten mit Wolf hatte. Aber er sah aus wie ein Mensch. Die Arme waren normal lang, die Haltung gerade, das Gesicht ohne den Ansatz einer Schnauze und ohne Haare. Die Augen waren braun. Ruckartig ließ Wolf die Kugel fallen. Daraufhin erlosch sie sofort, bekam ihre ursprüngliche Farbe zurück und rollte über den Boden. Mein Freund sah ihr verstört nach.

Ich lief der Kugel hinterher, um sie zurück ins Regal zu stellen. Als meine Finger sie berührten, prickelte meine Haut. Abermals wich die schwarz-blaue Farbe einem Bild. Es zeigte mir Liam, der seine Arme um eine kleine Doppelgängerin von mir legte und sie küsste. Fast hätte ich die Kugel ebenfalls fallen gelassen, unterdrückte den Impuls jedoch und schob sie stattdessen in eine Tasche meines Rocks.

„Was ist das?“ Wolf starrte auf meine Tasche, als befände sich darin das pure Böse.

„Wenn du das schon nicht weißt, woher soll ich es dann wissen?“

Er schüttelte den Kopf. „Was glaubst du, was es uns gezeigt hat? Die Zukunft?“

Mit Sicherheit nicht. „Ich habe wirklich keine Ahnung.“

Er seufzte. „Und wie bist du hinter das Regal gekommen?“

Ich erzählte ihm von dem Geheimgang in der Bibliothek und dem Bücherzimmer. „Als ich wieder nach draußen wollte, war der Eingang zu und ich musste einen neuen suchen.“

Wolfs gelbe Augen fixierten das Regal. „Ich wusste noch nicht einmal, dass es hier einen Geheimgang gibt.“

„Wenn es bekannt wäre, wäre er wohl auch nicht geheim.“

Wolf wandte sich von mir ab und fuhr damit fort, Staub zu wischen. Für einen kurzen Moment sah ich ihm dabei zu. „Könnte man diese Aufgabe nicht mit Magie erledigen?“

Er schnaubte. „Könnte man. Aber erstens ist Magie nicht für so niedere Aufgaben geeignet“ – das sagte er in zutiefst sarkastischem Ton – „und zweitens ist es eine Strafarbeit.“

„Wofür wirst du bestraft?“

Er zuckte mit den Schultern und schien nicht darauf antworten zu wollen.

Na schön. Ich wandte mich zur Tür und wollte gehen.

„Hast du nicht etwas vergessen?“

Verwirrt sah ich ihn an.

„Die Kugel. Willst du sie nicht zurück in ihre Halterung im Regal legen?“

„Ich glaube ich werde sie mir eine Weile ausborgen. Mal sehen, wie sie funktioniert und ob sie nützlich sein kann.“

Er warf mir einen kritischen Blick über seine Schulter zu. „Das ist Diebstahl. Dafür bekommst du eine Menge Ärger.“

„Nur, wenn ich erwischt werde.“ Ich zwinkerte ihm zu und verließ den Raum. Meine Kühnheit überraschte mich ein wenig. Ich klang mehr wie Jesse und weniger wie ich selbst. Schließlich schlug ich den Weg zu meiner Schlafkammer ein.

Dort angekommen benutzte ich mein Schlüsselwort und betrat die Kammer. Niemand schien den Raum betreten zu haben. Von Liam auch keine Spur. Ohne den Zauber zu erneuern, trat ich ein.

Ich wechselte in ein schwarzes Nachthemd, fütterte Lumi und kroch unter die kratzige, müffelnde Bettdecke. Was würde ich darum geben in Isabellas Bett schlafen zu dürfen. Meine Lider waren von den Aufregungen des Tages schwer. Schnell driftete ich ab in die Welt des Schlafes.

Ein Knall weckte mich. Ich schreckte auf und starrte zum Eindringling. Liam stand im Rahmen und hatte die Tür offenbar mit so viel Schwung aufgestoßen, dass sie laut gegen mein Bettgestell geknallt war.

Er sah ziemlich wütend aus. Wie ein Racheengel stand er da. „Wo warst du?! Ich habe jeden Winkel des Schlosses nach dir abgesucht und dachte, du hättest wieder irgendetwas Dummes angestellt! Weißt du eigentlich wie groß dieses Schloss ist? Und du liegst in deinem Bett und … schläfst!“ Er war außer sich. Wieso?

Ich blinzelte ihn an und ließ mich dann zurück ins Bett sinken.

Sein Gesicht tauchte in meinem Blickfeld auf. „Wage es ja nicht, jetzt einzuschlafen!“

„Entspann dich. Ich war in der Bibliothek und habe gelesen. Du hast nichts verpasst.“ Ich traute ihm einfach nicht über den Weg. Konnte ich mir denn sicher sein, dass er mich nicht verpetzte?

„Lüg mich nicht an. Ich habe überall nach dir gesucht.“ Seine Stimme klang gefährlich rau und leise. Er hatte sich über mich gebeugt, die Hände links und rechts von meinem Kopf aufgestellt.

So viel Präsenz raubte mir den Atem. Ich schluckte gegen das unerwünschte Gefühl an und suchte nach Worten. Was hätte Jesse gesagt? „Du weißt wahrscheinlich selbst, wie paradox das ist. Wenn du überall gesucht hättest, hättest du mich gefunden. Du hast mich eben übersehen. Und jetzt lass mich endlich schlafen.“

Seine grauen Augen starrten misstrauisch auf mich herunter. Aber zum Glück ließ er das Thema fallen. „Und wo soll ich mich hinlegen?“

Verwirrt blinzelte ich ihn an. „Wo sollst du dich hinlegen? Wie meinst du das? Geh doch einfach dahin, wo du bisher auch hingegangen bist.“

„Sei nicht albern. Ich habe beschlossen ein guter Begleiter zu sein. Und die weichen ihren Hexen Tag und Nacht nicht von der Seite. Also mach mal Platz.“

Sein Sinneswandel überrumpelte mich. Er wollte doch nicht wirklich von nun an an mir kleben wie Kaugummi am Asphalt?

Er schob mich zur Seite, bis mein Arm die kalte Steinwand berührte. Die Berührung seiner Hand entzündete ein heißes Kribbeln auf meiner Haut. Ohne etwas davon zu ahnen, was meine Hormone gerade veranstalteten, legte der dreiste Mistkerl sich auf die frei gewordene Seite in meinem Bett und machte es sich gemütlich.

Mein Herz hämmerte so schnell und kräftig, dass man es bestimmt in jedem Winkel der Kammer deutlich hören konnte.

Ich war zwischen kaltem Stein und der ledernen Haut einer seiner Flügel eingequetscht. „Das ist jetzt nicht dein Ernst! Dieses Bett ist nicht groß genug für uns beide! Wenn du unbedingt in meiner Nähe sein willst, dann leg dich gefälligst auf den Boden!“ In meine Stimme hatte sich ein heiserer Unterton geschlichen, den hoffentlich nur ich hörte.

„Du stellst schon Forderungen wie eine echte Hexe. Als ob ich auf dem Boden schlafe. Wir müssen nur eine Position finden, die funktioniert.“ Er begann wieder sich zu bewegen und herumzurutschen. Schließlich lag er mit dem Gesicht zu mir und den Flügeln in den Raum hinein. „Siehst du? Wo ist das Problem?“

Ich war mir nicht sicher, ob ich so wieder einschlafen konnte. Die einzige Person, mit der ich je ein Bett geteilt hatte, war Jesse und auch das war nur selten vorgekommen. Wenigstens war Jesse klein und leicht. Liam nahm viel mehr Platz weg und unter ihm bog sich die Matratze, so dass ein leichtes Gefälle entstand. Außerdem musste ich mir gegen meinen Willen eingestehen, wie sehr ich mich zu ihm hingezogen fühlte. Erinnerungen an den Kuss im Wald und die Szene in der Steinkugel zogen vor meinem inneren Auge vorbei. Nein, nein, nein! Dafür hatte ich überhaupt keine Zeit und Energie! Ich musste mich darauf konzentrieren, die beste Hexe meines Jahrgangs zu werden und durfte mich nicht ablenken lassen. Schon gar nicht von so wankelmütigen Geschöpfen wie Liam. Ich zwang meine Gedanken dazu, wieder und wieder langweiligen Schulstoff durchzugehen und die körperliche Nähe zu meinem Begleiter zu ignorieren.

Mit dem festen Entschluss meine Gefühle nicht zuzulassen und unter langweiligem Schulstoff zu begraben, drehte ich Liam den Rücken zu und kniff die Augen fest zu.

Schließlich wachte ich auf und merkte nur dadurch, dass ich überhaupt eingeschlafen war – obwohl Liam mein Bett geteilt hatte.

Theresia stand im Raum und betrachtete uns mit schräg gelegtem Schädel. „Wenn ihr wollt, kann ich euch Kondome beschaffen.“

Ihre Worte holten mich endgültig aus dem Traumnebel in meinem Kopf. „Was?! Nein! Wir haben nicht… Wir sind kein…!“

Theresia brach über mein Gestammel in Gelächter aus und der mehrarmige Kerzenleuchter wackelte bedrohlich in ihrer Hand, sodass Wachs auf den Steinboden verschüttet wurde.

Liam schien langsam zu erwachen. Er blinzelte desorientiert. Ich kletterte über ihn hinweg. „Geht jetzt!“, befahl ich. „Alle beide. Ich muss mich anziehen.“

Sobald sie meiner Anweisung Folge geleistet hatten, zog ich mich an und machte mich tagesfertig – beziehungsweise nachtfertig, wie man es hier nennen musste. So lustig und peinlich meine Zeit mit den beiden sein mochte – ich durfte nicht den Ernst der Lage oder mein Ziel aus den Augen verlieren. Isabella besiegen.

Hier geht es zum nächsten Kapitel (sobald online):

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