Elftes Kapitel: Auf den Spuren des Rätsels

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Ich sah nicht nach unten, sondern presste mein Gesicht stattdessen an seine Schulter, sodass meine Augen blockiert waren.

Der eiskalte Wind fuhr mühelos durch den Baumwollstoff bis auf meine Haut. Zudem bekam das leichte Auf und Ab des Fluges meinem Magen nicht. Die Übelkeit kehrte zurück. Wie lange es dauerte, konnte ich schlecht beurteilen – schließlich erschütterte mich ein Ruck und ich schlug die Augen auf. Liam war gelandet. Direkt am Waldrand.

So schnell ich konnte, befreite ich mich und kam taumelnd zum Stehen. Auf mehr engen Körperkontakt mit meinem Entführer konnte ich gut verzichten, vielen Dank auch.

„Wie lautete nochmal das Rätsel?“, fragte er.

„ Eins zu zwei. Schau der roten Sonne nach. Dunkelheit. “

Er schwieg und starrte grimmig ins Leere. Ich glaubte die Zahnrädchen hinter seiner gerunzelten Stirn zu hören.

Trotzdem hatte ich noch Hoffnung: „Weißt du wohin wir müssen?“

Widerwillig schüttelte er den Kopf.

Mein Blick fiel auf das Mädchen, das gerade aus dem See kletterte. Die Kleidung klebte ihr triefend am Körper, nur ihr helles Haar war oberhalb des Kinns trocken geblieben. Um ihren Hals lag in einer lockeren Schlinge ihre Begleiterin – eine dunkle Schlange mit hellen Flecken und Schuppen, die im Mondlicht sanft glänzten. Im Maul des Tiers steckte der Zettel. Zielstrebig ging das Mädchen am Waldrand entlang. Bis zu einem Baum, der aus drei zusammengewachsenen Bäumen bestand. Dort drang es in den Wald ein.

„Ich wette die zwei wissen, wohin sie müssen“, murmelte ich. Am liebsten wäre ich ihnen gefolgt. Aber das wäre geschummelt. Andererseits – in den nächsten Stunden zu sterben war auch keine gute Option. Spontan lief ich ihnen nach.

Die Schritte hinter mir verrieten, dass Liam mir folgte.

Ein letztes Mal bäumte sich mein Gewissen auf. Ich beruhigte mich mit dem Gegenargument, dass die Alternative der Tod war, solange ich nicht imstande war, mein eigenes Rätsel zu lösen. Also folgte ich dem Mädchen so leise wie möglich. Ich war erst ungefähr zehn Meter weit gekommen, als ich Liam unterdrückt fluchend hörte.

Ein schneller Schulterblick offenbarte die Schwierigkeiten, die er dabei hatte, mit Flügeln zwischen den vielen Zweigen hindurch zu kommen. „Willst du lieber zurückbleiben?“, flüsterte ich.

„Nein! Geh weiter, sonst verlieren wir sie noch“, zischte er.

Mit Blick nach vorn glitt ich weiter unter und über Hindernisse hinweg und versuchte meine Mitschülerin gerade noch zu sehen, ohne dabei von ihr gesehen zu werden. Nach einiger Zeit hörte ich, dass sie murmelnd Schritte zählte.

Liam fiel hinter mir immer weiter zurück, doch ich gab die Verfolgung nicht auf. Bei Schritt siebenhundertfünfundzwanzig blieb sie endlich stehen.

Da war ein schwarzer Baum, dessen tote Äste in den Himmel ragten. Kein einziges Blatt hing an den Zweigen. Die Rinde fehlte. Nur glattes, verblichenes Holz, das an mehreren Stellen vom Wetter aufgerissen worden war.

Das Mädchen suchte den Baum ab. Es tastete über seine Oberfläche, ehe es sich den Wurzeln zuwandte. Die Minuten verstrichen. Schließlich förderte es ein kleines Säckchen zutage und stieß einen Triumphschrei darüber aus. Die Schlange senkte ihren flachen Kopf und züngelte über dem Fund. Mit zitternden Fingern öffnete das Mädchen den Beutel und sagte zu seiner Schlange: „Hinter der singenden Quelle ist die Lösung nicht mehr fern. Was soll das schon wieder bedeuten?“

Die Stimme der Schlange war trocken und kaum zu vernehmen. „Ich bin mir nicht sicher.“

Hinter mir ertönte ein lautes Knacken. Das Mädchen und ihre Schlange sahen sofort in meine Richtung, konnten mich in der Dunkelheit hinter den Zweigen aber anscheinend nicht sehen. „Wer ist da?“ Die Augen des Mädchens wanderten über das Gestrüpp um mich herum. Nun da das Gesicht vom Mondschein getroffen wurde, fuhr mir das Wiedererkennen in den Leib. Es war eine von Isabellas Gefolgsleuten. Ida.

Die Schlange sagte: „Lass es uns loswerden.“ Meine Mitschülerin wirbelte herum und rannte los, als wäre der Teufel hinter ihr her.

Ich wollte schon aufspringen und ihr folgen, doch etwas packte meinen Arm und hielt mich fest. Liam. „Nicht. Ich weiß was mit der singenden Quelle gemeint ist.“

„Und was?“

Als wir sicher sein konnten, dass Ida und ihre Schlange verschwunden waren, kletterte Liam aus seinem Versteck. Er trat aus dem Gestrüpp heraus zu dem schwarzen Baum, um den herum mehr Platz war. In seinem Haar, in seiner Kleidung und an seinem linken Flügel hingen kleine Pflanzenreste. Zweige und verwelkte Blätter. Außerdem hatte er Kratzer auf seiner Flügelmembran und an den Armen. Im Mondlicht betrachtet sah Liam wirklich schön aus. Ich schüttelte den Kopf. Wahrscheinlich wirkte das Gift bereits und schädigte mein Gehirn. Anders konnte ich mir so dumme Gedanken nicht erklären.

Er wandte sich mir zu und pflückte dabei Blätter von seinem Shirt. „Mit der singenden Quelle ist der Ursprung eines kleinen Baches gemeint, in dem Wassergeister leben. In Vollmondnächten kann man sie singen hören.“

Singende Wassergeister. Klar. Was sonst? „Gut. Wie kommen wir da hin?“

„In der Nähe ist eine Lichtung, auf der ich landen kann. Von dort aus ist es wahrscheinlich nur eine halbe Stunde zu Fuß.“

Das würde verdammt knapp werden. Ich schluckte. „Warum hilfst du mir überhaupt? Du hast doch von Anfang an klar gemacht, dass du mich nicht leiden kannst!“

Er wirkte unangenehm berührt und zuckte mit den Schultern, als wolle er sagen: Keine Ahnung, das mache ich nur aus einer Laune heraus.

Ich sah in den Himmel. Ein schwarzer Vogel flatterte davon – hoffentlich nur ein ganz normales Wildtier.

Während ich dem Tier nachsah, antwortete Liam mir doch noch: „Ich habe noch nie jemanden getötet. Und vielleicht will ich nicht so sein… Ich will niemanden im Stich lassen, der mich braucht, um zu überleben.“

Damit konnte ich nicht viel anfangen. Aber es war eigentlich auch der falsche Zeitpunkt das auszudiskutieren. „Kannst du von hier aus losfliegen?“

„Eher nicht. Wir müssen wieder zurück.“

„Das kostet zu viel Zeit!“

Er zuckte mit den Schultern. „Hier ist zu wenig Platz zum Losfliegen.“ Ich maß seine gefalteten Flügel und unsere Umgebung. Er würde sie nicht ausstrecken können.

Also gingen wir den ganzen Weg zurück. Ich konnte nur daran denken, dass jede Minute mich dem Tod näher brachte und ich keine Gott verdammte Uhr hatte.

Schließlich erreichten wir wieder den Waldrand, von dem aus man die Insel mit dem Schloss sehen konnte. Abermals hob Liam mich auf seine Arme und hob mit mir zusammen vom Boden ab. In seinen Eigengeruch mischte sich nun der Duft des Waldes und eine Ahnung von Schweiß. Ich hielt die Augen so fest zugekniffen wie ich konnte und klammerte mich an dem Halbdämon fest. Erst nach der Landung war ich bereit die Augen zu öffnen. Wir waren auf einer Lichtung im dunklen Wald.

Liam ließ mich herunter und deutete auf einen Trampelpfad. „Dort entlang.“

Ich ging voraus. Der Weg war uneben und wahrscheinlich von Tieren geschlagen – aber diesmal kam ich erheblich schneller voran als querfeldein. Nur die Spinnweben störten mich. Am Anfang dachte ich mir nicht viel dabei, doch es wurden immer mehr. Sie wickelten sich um meine Arme, meine Beine, meinen Rumpf und klebten mir im Gesicht und im Haar. Schließlich wurde mir bewusst, dass die feinen Fäden auf meinem Kleid und meinen Händen und Armen eine merkwürdige Farbe hatten. Einen leichten Goldschimmer.

Ich drehte mich zu Liam um. Auch er war von diesen Spinnenfäden bedeckt. „Was ist das für ein Zeug?“, fragte ich.

Geräusche ertönten aus dem Unterholz. Ihr reiner Glockenklang ließ mir das Blut in den Adern gefrieren. Das war Isabellas Stimme – ein kaltes Lachen. So schnell ich konnte, versuchte ich die Fäden von mir abzustreifen – aber das Zeug war verflucht klebrig und es waren sehr viele Fäden.

Die Fäden auf meiner Haut und Kleidung schwollen an, bis sie die Dicke meines kleinen Fingers erreicht hatten und verbanden sich miteinander zu einem Netz. Ich kam nicht heraus. Die Seile verkürzten sich, bis ich eingeschnürt war wie ein Paket. Mein Stand wurde wackelig, meine Beine eng aneinander gepresst. Isabella trat aus dem Schatten auf den Weg und grinste mich höhnisch an. Garos landete auf ihrer Schulter. Das vorhin war kein normaler Vogel gewesen. Garos hatte uns belauscht und Isabella hergebracht.

Meine Mitschülerin zeigte mir hämisch eine Wachstafel, in die ein Zauber eingraviert war. „Du wirst bis zu deinem Tod wohl nicht mehr weit kommen. Und weißt du, was das Beste ist? Dass ich nicht einmal Ärger dafür bekommen werde, dass du hier verreckst! Ich muss im Morgengrauen nur das Wachs verflüssigen und die Fäden lösen sich auf. Ziemlich clever, nicht wahr?“

„Ich werde dich nicht dafür bejubeln, falls es das ist, was du willst.“ Ich kämpfte gegen das dicke Goldnetz, das in mich schnitt. Meine eigenen Bewegungen brachten mich zu Fall und so plumpste ich vor meiner Erzfeindin in den Dreck wie eine überdimensionierte Raupe.

Sie winkte ab. Ihre Augen richteten sich auf Liam. „Um dich tut es mir schon ein wenig leid. Du bist zu hübsch zum Sterben. Aber falls der Drache dich nicht vernichtet, wirst du vielleicht nächstes Jahr mein Begleiter.“

Garos wandte ihr ruckartig seinen Krähenkopf zu. „Mit so einem Grünschnabel willst du mich ersetzen?!“

Isabella antwortete nicht darauf, doch sie streichelte Garos zärtlich übers Gefieder. Dann wandte sie sich von uns ab und schritt in die Richtung davon, in der die Quelle lag – mit wiegenden Hüften.

Die Angst klammerte sich um jedes meiner Organe. Ich konnte kaum atmen. So sollte es enden? War das mein Tod? Wieder versuchte ich, mich aus den Seilen heraus zu winden, aber die Netzstruktur und die klebrige Oberfläche machten es mir unmöglich.

Liam versuchte ebenfalls den Fesseln zu entkommen, hatte dabei aber so wenig Glück wie ich. Von außen betrachtet war es offensichtlich, dass es keine Möglichkeit gab das Netz abzuwerfen. Das war‘s. Auch mein Begleiter verlor schließlich das Gleichgewicht, da seine Beine eng aneinandergekettet waren und stürzte zu Boden. „Kennst du nicht irgendeinen Zauber, der uns hier raus holt?“

Ich verdrehte die Augen. „Zufällig nicht. Aber selbst wenn: In diesem Zustand kann ich meine Kreide nicht erreichen, geschweige denn damit zeichnen.“

Wir schwiegen für einen langen Moment, bevor ich das Wort ergriff. „Jetzt da wir sowieso draufgehen, könntest du dich endlich dafür entschuldigen, dass du mich entführt hast.“ Ich hörte selbst wie zickig das klang. Aber sein mangelndes Schuldbewusstsein nagte an mir.

„Ich habe dich nicht entführt.“

„Natürlich hast du das! Was ist denn deine Definition von einer Entführung?“ Ein Teil von mir bemerkte, wie absurd es war im Angesicht des Todes darüber zu streiten. Vielleicht versuchte ich mich nur von meiner Angst abzulenken. Wut war besser als Angst.

„Ich habe dich gerettet, als du von dem Fensterbrett gestürzt bist. Und bei der Beschwörung, bei der du einen Fehler gemacht hast, habe ich darauf verzichtet dich zu fressen, obwohl mich das bestimmt ein ganzes Jahr lang gesättigt hätte.“

Ein kleiner Schauer lief mir über den Rücken, doch ich wollte mich nicht ablenken lassen. „Das meinte ich nicht. Zuhause auf dem Friedhof, als das Monster mit den Hörnern erschienen ist.“

„Dieses Monster hat zufällig einen Namen!“

„Ich bin weggelaufen, aber du hast mich eingefangen und in den Feuerkreis geworfen.“

„Es war kein Kreis.“

Ich verdrehte nur die Augen. „Ist mir doch egal, welche Form der Zauber hatte. Du hast mich jedenfalls hinein geworfen.“

„Und was glaubst du, was passiert wäre, wenn ich es nicht getan hätte?“

„Ich wäre entkommen und nach Hause gelaufen.“

Er lachte, aber es war kein fröhliches Lachen. Bitterkeit schwang in dem Geräusch mit. „Du hättest den Friedhof niemals verlassen. Mein Vater hätte dich eingeholt.“

Vor Schreck lösten sich die nächsten Worte auf, die ich hatte sagen wollen. Sein Vater? Nach einer kurzen Pause sagte ich: „Ihr seht euch gar nicht ähnlich.“

Liam schwieg. Vielleicht hatte er gar nicht ausplaudern wollen, dass der Gehörnte sein Vater war und es war ihm nur aus Versehen herausgerutscht.

„Und wer ist deine Mutter?“

Er schwieg so lange, dass ich bereits dachte, er würde nicht darauf antworten. Aber er rang sich doch dazu durch. „Sie war ein Mensch.“

Ich zog die Augenbrauen hoch. Eine Menschenfrau hatte sich mit dem Gehörnten eingelassen? Oder hatte er sie vergewaltigt?

Liam sah meinen Gesichtsausdruck und sah wenn möglich noch angepisster aus. „Mein Vater ist ein Gestaltwandler. Meine Mutter hat ihn geliebt. Doch als sie ein Baby mit Flügeln zur Welt brachte … hat sie es sich anders überlegt.“

Das Thema schien ihn zu bedrücken. „Du hättest mir helfen können.“

„Warum hätte ich das tun sollen?“, entgegnete er. „Ich kannte dich überhaupt nicht.“

„Und jetzt wo du mich kennst? Würdest du da anders handeln? Bereust du, was du getan hast?“

Liam schwieg so lange, als hätte er nicht vor, darauf zu antworten. Ein neuer Satz lag mir bereits auf der Zunge, als er schließlich doch sprach. „Nein.“

Das Wort schnitt mir direkt ins Herz und hallte in meinem Inneren wider. Nein. Nein, er hätte mich nicht gerettet. Nein, er bereute es nicht, mich entführt zu haben.

„Siehst du denn nicht, dass dein Leben jetzt viel besser ist? Du hast viel mehr Freiheiten und du bist endlich deine Eltern los. Abgesehen von der Sache mit der Vergiftung.“

Der Frust trieb mir Tränen in die Augen. „Ich habe dich nicht darum gebeten, mein Leben zu verbessern! Außerdem wäre ich zu Hause in zwei Jahren achtzehn geworden und damit frei.“

„Du bist wirklich naiv. Du glaubst doch nicht wirklich, dass deine Eltern so plötzlich ihre Kontrolle über dich aufgegeben hätten. Du hättest bis zu deinem sechzehnten Lebensjahr bereits so viel mehr Freiheit erkämpfen können. Aber das hast du nicht. Du hast freiwillig in deinem Käfig gelebt und jetzt wo du entkommen bist, willst du unbedingt wieder zurück.“

Seine Worte verletzten mich tief. „Jedenfalls will ich nicht in diesem Wald sterben! Und überhaupt woher glaubst du so viel über mein Leben als Mensch zu wissen?“

Er presste die Lippen zusammen.

„Hast du mich etwa ausspioniert?“

„Das tut jetzt nichts mehr zur Sache.“

Gerade als ich Luft für eine Erwiderung holte, hörten wir Schritte die auf uns zukamen.

„Schnell, verstecken“, zischte Liam.

Wir rollten uns vom Weg herunter und krochen unter die Büsche. Ich wollte mir gar nicht ausmalen wie viele Krabbeltiere hier herumhuschten. Liam und ich lagen wie zwei Würmer nebeneinander auf der Lauer. Die Schritte waren noch immer zu hören, sie kamen immer näher.

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