Neuntes Kapitel: Giftmischen

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Ich nickte und schniefte.

Er nickte auch.

Einen Moment lang standen wir uns noch unbeholfen gegenüber, bis Liam sich langsam wegdrehte. Ich sah seinen wippenden Flügeln nach und machte mich auf die Suche nach der nächsten magischen Waschschüssel für mein Gesicht.

Einige Zeit später fragte ich mich bis zur Bibliothek durch (zufällig begegnete ich Wolf, der gerade aufeinander gestapelte Stühle durch die Gänge schleppte) und versuchte meine Gedanken auf das Wesentliche im Hier und Jetzt zu konzentrieren, egal wie furchtbar ich mich fühlte. So ging ich durch die Regalreihen – so weit weg von den anderen wie möglich – und blätterte in Büchern voller Zauber, von denen die meisten zu schwer für mich waren.

Eine gefühlte Ewigkeit später, in der Liam nicht zurückkehrte, endete die Unterrichtseinheit und ich folgte meiner Klasse zu Giftmischen.

Der Turm der Giftmischerin war abseits gelegen. Wir stiegen eine Wendeltreppe zwischen dicken Mauern empor. Die Stufen waren so ausgetreten, dass ich aufpassen musste, wohin ich meine Füße setzte. Außerdem standen die Wände links und rechts nicht senkrecht, sondern bedenklich schief. Es setzte mir ein mulmiges Gefühl in den Bauch.

Chemiegeruch wehte uns entgegen, noch bevor wir das helle Turmzimmer betraten. Der klare Sternenhimmel und der Vollmond strahlten mit dem gigantischen Kerzenleuchter, der von der Decke hing, um die Wette.

In der Mitte des Raumes war ein Tischkreis mit Stühlen. An einigen Wänden hingen Schiefertafeln. Ein massives Regal war vollgestopft mit Kisten, Apparaturen, Gläser, Döschen und Säckchen.

Vor einer der Tafeln, die zwischen den Fenstern an den Wänden angebracht waren, stand eine zarte, alte Frau mit langen, grauen Haaren. Stirnrunzelnd sah sie über ihre schmale Nase auf eine der Formeln an der Tafel. Auf unser Eintreffen reagierte sie nicht.

Ich setzte mich neben Samara und blickte mich verstohlen um. Außer mir sahen alle ganz normal aus. Nicht so, als hätten sie geweint. Samara streichelte gedankenverloren ihre haarige Spinne, während sie die Lehrerin im Blick behielt und darauf wartete, dass der Unterricht begann.

Erwartungsvolles Schweigen hing in der Luft. Die Lehrerin rührte sich jedoch nicht und starrte weiterhin auf die Tafel. Allmählich zweifelte ich daran, dass sie die Anwesenheit der Klasse überhaupt registriert hatte. Die Zeit schleppte sich dahin. Irgendwann räusperte sich jemand – Isabella.

Mit sichtbarem Widerwillen wandte die alte Frau ihre Aufmerksamkeit von der Formel ab und warf der Störenfriedin einen genervten Blick zu. Sie wischte die Formel mit einem langen Ärmel ihres Kleides ab. Dann ließ sie ihren Blick über die Gruppe schweifen. Sie seufzte. „Das Giftmischen ist die älteste Kunst der Hexen. Erzählt mir etwas darüber.“

Für einen langen Atemzug war es still, bevor Isabellas Stimme das Schweigen durchschnitt. „Jede Substanz, die dem Opfer schadet, wird als Gift bezeichnet. In der Natur gibt es eine Vielzahl an Giften, die sich extrahieren lassen. Sowohl aus Pflanzen, als auch aus Tieren. Man kann Gifte jedoch auch synthetisch herstellen.“

Die grauhaarige Lehrerin legte ihren kleinen Kopf schräg, wobei ihr einige lange Strähnen über die freie, schmale Schulter nach vorn rutschten. „Das ist zwar richtig, Schattentraum, doch ungeachtet der Macht deines Vaters musst auch du dich erst zu Wort melden und von mir aufgerufen werden, ehe du sprechen darfst.“

Ich sah zu Isabella, die aussah, als hätte sie einen ekelhaften Geruch in der Nase und zurück zu der alten Frau. Letztere begann damit, Buchstaben auf die Tafel zu schreiben. Das Wort „YLVA“ entstand dort.

„Nur damit jeder einzelne weiß, mit wem er es zu tun hat. Obwohl wahrscheinlich jeder schon von mir gehört hat.“

Klar.

„Zum Aufwärmen möchte ich, dass jeder den Namen einer giftigen Pflanze nennt.“ Ylva deutete auf eine meiner Mitschülerinnen.

Augenblicklich sagte das Mädchen einen wissenschaftlichen Namen, wie ich ihn nur von den Schildern eines botanischen Gartens kannte. Leider hatte ich mich zuvor nie für Botanik interessiert.

Die nächste Schülerin nannte ebenfalls einen lateinischen Namen, der mir genauso wenig sagte, wie der erste. So ging es der Reihe nach weiter. Meine Hände begannen wieder zu schwitzen. Gab es nicht irgendeine giftige Pflanze, die mir einfiel? In meinem Kopf herrschte ein freier Raum, von dem sich Einfälle fernhielten. Schließlich war ich dran und sagte das einzige, woran ich denken konnte: „Fliegenpilz?“

Alle Blicke richteten sich auf mich. Irgendjemand kicherte. Eine Schlange zischelte.

„Fliegenpilz?“, fragte Ylva nach, als hätte sie sich verhört.

Mein Gesicht wurde heiß. Das Kichern steigerte sich.

Ylva schüttelte irritiert ihr Haupt und nahm mich etwas genauer in Augenschein. „Mal abgesehen davon, dass Pilze keine Pflanzen sind, ist ‚Fliegenpilz‘ auch nicht der korrekte Name.“

Ihre stahlgrauen Augen musterten mich aufmerksam. Ich zwang mich dazu, dem Blick standzuhalten. „Bist du das We-… Menschenkind?“

Sie hatte Wechselbalg sagen wollen. Wusste sie etwas über mich? Ich nickte zur Bestätigung.

„Hm. Lernt man in der Menschenwelt nichts mehr über Pflanzen?“

Die Mädchen um mich herum kicherten und warfen sich vielsagende Blicke zu. Manche flüsterten. Es war schwer, sie zu ignorieren.

„Naja, über Fotosynthese schon. Aber nichts über Giftpflanzen.“

„Hmmm.“ Ylva ließ sich den Laut auf der Zunge zergehen. „Nun gut. Ich erwarte von dir, dass du deine Wissenslücken zügig schließt. Bis zum nächsten Mal hast du eine Abhandlung über Fliegenpilze geschrieben. Und kennst fünf lateinischen Namen von Giftpflanzen und deren Wirkung.“ Sie nickte dem Mädchen nach mir zu. „Fahr fort.“

Der Rest des Unterrichts führte mir ebenso wirkungsvoll vor Augen, dass ich eigentlich gar nichts wusste, wie die vorherigen Kurse. Danach folgte ich den anderen Mädchen die Wendeltreppe hinunter. Auf dem Weg ergriff ich die Gelegenheit Samara anzusprechen: „Wie kommst du zurecht?“

Sie sah mich stirnrunzelnd an. Auch alle acht Augen ihrer Spinne waren auf mich gerichtet.

„Das Kaninchen…“

Sie zuckte mit den Schultern. Ihre Unbekümmertheit erzeugte einen Eisklumpen in meinem Bauch. „Sie hätte einen Kobold wählen sollen.“

„Aber bist du nicht…? Also das war… Krass.“

Sie zuckte erneut mit den Schultern. „Es ist ja nicht das erste mal, dass man so was gesehen hat.“

Ach nein? Mir wurde schlecht. Standen mir noch mehr solcher Erlebnisse bevor?

Den Rest des Weges legten wir schweigend zurück.

Beim Abendessen sah ich Liam, der mit dem Insektenmensch lachte. Er war der einzige dämonische Begleiter, der nicht bei seiner Hexe war. Auf der anderen Seite war er aber auch der einzige, der seine Hexe nicht gefressen hatte, obwohl er es hätte tun können. Zu sehen, dass er sich anderswo herumtrieb, versetzte mir einen Stich, der keine logische Begründung hatte.

Stattdessen konzentrierte ich mich aufs Essen und verschlang so viel bis ich beinahe platzte. Zwei Mahlzeiten pro Nacht waren ungewohnt wenig.

Anschließend schleppte ich mich trotz Muskelkater und emotionaler Erschöpfung noch in die Bibliothek, um den Fensterscheibenzauber zu finden und einen Zauber, den ich als Heizung verwenden konnte.

Ich erwachte mit dem Gesicht auf den Buchseiten. Im ersten Moment war ich verwirrt und mir tat alles weh. Vor allem mein Nacken und meine Schultern. Traumfetzen von Riesenkaninchen mit Reißzähnen und eingesperrten Engeln verflüchtigten sich aus meinem Kopf, während mir klar wurde, was mich geweckt hatte.

Jemand schlich auf mich zu! Um das zu realisieren hatte ich genau eine Sekunde Zeit, bis der Junge mit den Reißzähnen sich auf mich stürzte. Schreiend kippte ich mit dem Stuhl und meinem Angreifer auf den Steinboden.

Rasender Schmerz explodierte in meiner Schulter, als etwas hineinstach. Das eklige Gefühl wie Flüssigkeit aus meinen Adern herausgesaugt wurde – ähnlich einer Spritze – versetzten mich in Todesangst. Ich schrie, schlug um mich, versuchte den Irren von mir weg zu drücken, der mich mit seinem Gewicht unten hielt. Aber er klammerte sich mit seinen langen Fingernägeln und seinen Zähnen an mir fest und saugte weiter. Mir wurde klar, dass das mein Ende war. So sehr ich es auch versuchte, ich konnte gegen den Parasiten nichts ausrichten. Wenn ich in Kampfsport nur halb so gut wäre wie die anderen Hexenschüler…

Der Schmerz in der Schulter vervielfachte sich, als die monströsen Reißzähne mit Gewalt herausgerissen wurden. Am Rande meiner Panik realisierte ich, dass Wolf aufgetaucht war und den Jungen an den Haaren von mir herunterriss.

Der Vampir drehte sich in Wolfs Griff und wollte sich auf ihn stürzen, doch Wolf verpasste ihm einen kräftigen Schlag ins Gesicht und der Vampir stürzte zu Boden.

Ich robbte von dem Kampf weg. Starr vor Schreck und unfähig etwas zu tun, realisierte ich, dass das Gesicht und das Hemd meines Angreifers über und über mit meinem Blut verschmiert war. Er rappelte sich auf, doch Wolf ließ ihm dafür keine Zeit. Noch während der Vampir versuchte wieder auf die Beine zu kommen, packte Wolf ihn im Genick und rammte ihm das Knie in den Bauch. Der Vampir klappte zusammen und erbrach einen Schwall meines Blutes.

Jetzt ließ Wolf von dem wimmernden Jungen ab.

Entgegen seiner sonstigen Schüchternheit strahlte er wilde Unbesiegbarkeit aus und knurrte kehlig. „Du rührst sie nie wieder an! Hast du verstanden? Sag das auch allen anderen – wer Nora angreift, bekommt es mit mir zu tun!“

Der Vampir kroch durch die Blutlache von uns weg.

Wolf sah ihm grimmig dabei zu, bevor er sich zu mir umdrehte. Seine gelblichen Augen glitzerten noch wild und er hatte die Zähne gebleckt wie ein … Wolf. Einen Moment lang stand er so da und ich hatte vor ihm mindestens genauso viel Angst wie vor dem Bluttrinker. Dann war es, als ob jemand einen Schalter umgelegt hätte. Von einem Moment auf den anderen sank er in sich zusammen und wich meinem Blick aus.

Ich räusperte mich und stemmte mich zitternd hoch. „Danke.“ Mir war kalt, übel und ich war immer noch zu Tode erschrocken. Um ein Haar hätte dieser Irre mich… ausgesaugt.

Wolf nickte in Richtung seiner haarigen Füße und zog die Schultern noch ein wenig höher.

„Das… war wirklich beeindruckend.“ Ich schluckte und schielte auf meine Schulter. Eine einzige, blutverschmierte Wunde, die höllisch brannte. Wenn ich kämpfen könnte wie Wolf, wäre ich sicher. „Kannst… kannst du mir das beibringen?“

Aus den Augenwinkeln sah ich, wie Wolf erstaunt den Kopf hochriss. Um ihn nicht zu verunsichern, vermied ich den direkten Blickkontakt.  

„Ich?“, fragte er ungläubig.

„Ja… ich würde auch gerne so kämpfen können.“

„Aber… ich bin doch nur… ich kann nicht…“

„Wenn du nicht willst, ist das auch okay.“ Probeweise rollte ich meine verletzte Schulter, trotz des Schmerzes. Es schien keine schlimme Verletzung zu sein, Muskeln und Sehnen intakt. Gott sei Dank hatte der Irre mir keine Schlagader verletzt.

„Ähm… Also wenn du … wirklich denkst, dass ich… also dass ich dir etwas beibringen könnte… Dann … ja. Zeige ich dir das.“

Ich lächelte Wolf an und er starrte sofort wieder auf seine Füße, als mein Blick ihn traf.

„Danke. Wirklich – ich glaube du hast mir gerade das Leben gerettet. Fürs nächste mal will ich aber nicht die Jungfrau in Nöten sein, sondern selbst eine Kampfmaschine.“

Wolf nickte seinen Füßen zu.

„Danke. Ich – also ich gehe dann mal in meine Kammer… Würdest du mich… vielleicht hinbringen?“

Den Weg legte ich wie in Trance zurück. Es war einfach viel zu viel passiert, als dass ich mit dem Verarbeiten hinterhergekommen wäre. Stattdessen hatte sich ein Gefühl der Unwirklichkeit meiner bemächtigt. Als würde das alles jemand anderem passieren.

In meiner Schlafkammer angekommen verarztete ich die Wunde so gut ich es konnte und begann dann die Symbole für den Fensterscheibenzauber in den Rahmen zu ritzen. Heute Nacht war so viel Unfassbares passiert, dass ich innerlich gar nicht mehr mitkam. Es war als hätte ein Teil meines Gehirns – der, der für das Verarbeiten von plötzlicher Gewalt zuständig war – vorübergehend wegen Überlastung geschlossen. Und der Rest meines Gehirns machte erstmal weiter als sei nichts gewesen.

„Hast du Honig?“, piepste Lumi hin und wieder, während ich die Symbole in den Stein kratzte.

Die Nacht war fast vorbei – ich konnte bereits das Licht der Sonne erahnen und freute mich darauf das erste Tageslicht abzubekommen. Vor meinen Augen erschien der obere Rand der Sonne am Himmel und dann erlosch die Welt. Mit einem Schlag war die Umgebung, die ich vor dem Fenster sah, verschwunden. An ihre Stelle war undurchdringliche Dunkelheit getreten. Ich sah aus dem Fenster nach unten, wo eben noch Gras gewachsen war. Kein Boden. Am unteren Ende der Mauern befand sich nur noch Dunkelheit. Garos Worte kamen mir wieder in den Sinn – bei Tag existierte das Schloss nicht. Es war, als schwebte das ganze Gebäude in einer unendlichen Schwärze. Das Schloss existierte nur bei Nacht. Am Tag hörte es auf zu existieren. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich mir nichts darunter vorstellen können. Wenn ich etwas nach draußen warf, würde es dann davontrudeln und nie wieder auftauchen? Wenn ein Schüler sich beim Weltenwechsel auf der Türschwelle befand, würde er dann zerschnitten werden? Der Rest meines Gehirns versuchte nun auch wegen Überlastung zu schließen. Ich konnte nicht mehr denken und kroch nur noch unter die müffelnde Bettdecke.

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