Eine abstruse Kurzgeschichte

Sie saß vor ihrem Laptop – vor sich Fotos von gepressten Pflanzen, die sie bis morgen auswendig lernen musste für die Uni, neben sich ihr Handy, auf dem sie zwei YouTubern dabei zuhörte, wie sie über Fantasy debattierten.

Sie war völlig anderer Meinung als die YouTuber und machte immer wieder Redebeiträge als könne man sie hören, ehe sie das Video pausierte, sich selbst ein paar Pflanzen abfragte und wieder das Video anhörte.

Es sind schon komische Zeiten, in denen sie studierte. Das Internet hatte alles innerhalb einer Generation überrollt und nicht nur das Studium sondern den ganzen Alltag auf den Kopf gestellt. Die Studentin war dankbar dafür dass es das Internet gab. Es war nicht auszudenken, wie sie das alles ohne schaffen sollte. Alles wäre… ganz anders.

Valerianella locusta die Feldsalatprinzessin lebte in einem grünen Schloss, in dem sie den ganzen Tag Salat aß – aber natürlich nicht den Salat, aus dem ihr Schloss gemacht war. Nein, sie hatte ihre Sklaven, die Blattschneideameisen, die sie mit einem telepathischen Zauber kontrollieren konnte und die ihr feinste Salatschnipsel von den verschiedensten Salatpflanzen brachten.

Valerianella hätte glücklich sein müssen, denn in ihrem unendlich großen Schloss hatte sie die alleinige Macht und durch ihre Ameisensklaven besaß sie eine Menge Komfort.

Aber ohne nach draußen zu gehen und selbst Arbeit zu erledigen, litt die Feldsalatprinzessin. Sie brauchte Reize und Impulse von der echten Welt und anderen Geschöpfen, mit denen sie sich unterhalten konnte. So beschloss sie ihren Großvater zu besuchen. Er war das Oberhaupt der Familie Caprifoliaceae, die einst Valerianaceae geheißen hatte, bevor ihr Vater Lonicera xylosteum (eine eigensinnige Heckenpflanze) geheiratet hatte. Als Hochzeitsgeschenk hatte der Großvater den Familiennamen geändert – denn einst hatte die Familie der Valerianellas Valerianaceae geheißen. Einige nostalgische Botanik-Dozenten verwendeten den Namen noch heute.

Sie erwachte aus ihrem Lern-nickerchen. Nach fünf Stunden Lernen setzte sich stets ein ziehender Druck hinter ihre Stirn und sie musste ein Nickerchen machen, um ihr Gehirn wieder aufzufrischen und lernbereit zu machen. Der Nachteil daran war, dass es sich so anfühlte, als würde sie den Tag ein zweites Mal beginnen. Sie schälte sich nur langsam aus der nebulösen Welt des Schlafes, brauchte erneut einen Kaffee und fühlte sich morgenmuffelig. Die Gedanken an die Feldsalatprinzessin saßen ihr noch irgendwo hinten im Kopf, in der Nähe ihres rechten Ohres. Vielleicht sollte sie eine Geschichte darüber schreiben. Wenn die Klausurenphase vorbei war. In der Klausurenphase wurde die Studentin immer unfassbar kreativ, da ihr Gehirn versuchte, sie mit verlockenden Ideen vor dem Lernsprint zu bewahren. Gleich nach dem Kaffee würde sie die Idee mit der Prinzessin namens Valerianella locusta – dem Namen für den gewöhnlichen Feldsalat – auf ihre Liste schreiben. Die Studentin hatte in ihrem Bullet Journal eine Liste mit der Überschrift „Nach der Klausurenphase“. Und eine Valerianella-Geschichte zu schreiben, gehörte auf diese Liste.

Gegen ein Uhr nachts legte sich die Studentin wieder schlafen, um diesmal von den Erdrauchgewächsen zu träumen, deren Familiengeschichte ganz ähnlich verlaufen war. Die zickige Prinzessin Fumaria officinalis hatte ursprünglich zu einer Familie mit dem Namen gehört, der nach ihr benannt worden war. Aber da sie sich so schlecht benommen hatte, hatten Fumarias Familienmitglieder ausnahmslos in die Papaveraceae eingeheiratet und auch Fumaria officinalis war eingeheiratet worden. Zwar war sie zu ihrer eigenen Hochzeit nicht erschienen und hatte ihrer Familie die Ameisen auf den Hals gehetzt, aber das hatte ihr nicht geholfen.

Fumaria dachte deshalb darüber nach, ob sie nicht lieber eine Hexe statt eine Prinzessin werden wollte, um sich an all jenen zu rächen, die es verdient hatten.

Keinen Tag später begab sie sich zu Urtica dioica, einer Urtiaceae – da aus Fumarias Sicht das ein äußerst hexisch klingender Name war.

Es stellte sich heraus, dass sie bei Urtica dioica erstmal allerhand entwürdigender Dienste auszuführen hatte, bevor man ihr böse Zauber beibrachte. Und so verbrachte sie den ersten Tag damit, 24 verschimmelte Biomüllbehälter auszuleeren und mit kaltem Wasser und ohne Handschuhe zu waschen.

Erst danach erklärte Urtica dioica – ein Einzelkind in der Familie der Urticaceae – Ex-Prinzessin Fumaria officinalis für abgehärtet genug, um in die Hexenlehre zu gehen.

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