LT6: Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten

Leseeindrücke zu „Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten“ von Alice Hasters

Moin, Leser!

Ich schreibe hiermit eine Serie von Blogbeiträgen, die eigenlich ein Lesetagebuch sind. Zu dem Buch „Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten“ von Alice Hasters. Ich versuche in meinen Beiträgen Inhalte aufzugreifen und in kleine Häppchen zu teilen. Bei so einem aufwühlenden Thema habe ich eben viel dazu zu sagen… O:-)

Ich werde die Beiträge nummerieren (LT1, LT2 usw). Außerdem kannst du die anderen Beiträge über das Schlagwort „Rassismus Lesetagebuch“ finden.

Wenn ich etwas falsch formuliere oder verletzend bin, dann weis mich bitte darauf hin. Ich stehe bei dieser Reise der Weiterbildung noch am Anfang.

Hinterlass mir gerne deine Gedanken

LG

Gedankenpilze

Bis 52%:

Memo an mich: Gesellschaftskritische Bücher nicht am Abend hören. Ich durfte gestern Abend drei Stunden lang versuchen einzuschlafen, obwohl ich meine Gedanken und Gefühle ja schon in einem Blogbeitrag fixiert hatte. Ich habe mich unruhig hin und her gewälzt, immer wieder und weiter über das Gehörte und mein Geschriebenes nachgedacht. Und bin schließlich mit halb geschlossenen Lidern mitten in der Nacht spazieren gegangen um Ruhe zu finden.

Weil mich politische und soziale Missstände aufwühlen, habe ich lange Zeit auf Nachrichten verzichtet. Erst weil ich mich zu fragil dafür fühlte, dann aus Gewohnheit.

Jetzt also Hörbuch am Morgen.

Es ging wieder um einige Sachen, die ich nicht richtig verstehe, weil ich sie zum ersten mal höre und weiß bin. Ich bin noch nie Opfer von Rassismus geworden.

Es geht um Kultur, Identität, white washing. Darum, wie man als schwarze Frau in den Journalismus einsteigen kann. Oder wie man überhaupt erst auf die Idee kommen kann, das zu studieren, was einen interessiert. Als ob man aufgrund seines schwarz seins nicht alles sein und werden könnte. Die Autorin berichtet, dass sie sich nach der Schule nicht vorstellen konnte mit den „Charlottes“ und „Pauls“ in Hörsälen und Bibliotheken zusammen zu stecken, die sich für Sachen interessieren, von denen ich noch nicht gehört habe und die ich daher vergessen habe. Eigentlich das Stereotyp von weißen Akademiker-Kindern. Also – mir.

Mir wurde nie abgesprochen, dass ich alles sein könnte, was ich wollte, was mich interessierte. Ich habe keine Idee davon, was meine „Identität“ oder „Kultur“ ist und finde es daher auch schwer zu verstehen, was das für andere bedeutet. Vielleicht wird die Definition wichtiger, wenn man das Gefühl hat, von einem „wir“ ausgeschlossen zu werden? Wenn man durch rassistische Mikroaggressionen suggeriert bekommt, dass man nicht dazu gehört – irgendwie anders ist – sich rechtfertigen zu müssen. ?

Allerdings fällt mir zum ersten mal auf: Tatsächlich habe ich wenig Mitstudenten, die nicht dem Stereotyp weiße-Akademiker-Kinder entsprechen. Null Schwarze in meinen Seminaren, wenige BIPOC (People of Color and Indigenous). Die Dozenten sind alle weiß. Ist mir vorher einfach nie aufgefallen.

Das hat mit Sicherheit(!!!) nichts mit Charaktereigenschaften oder Kompetenzen zu tun, die sich bei weißen Menschen und BIPOC (People of Color and Indigenous) unterscheiden – denn so etwas gibt es nicht!!! Ich glaube dieses Phänomen ist die Konsequenz aus alten Strukturen. Genau wie die Tatsache dass hohe Chef-Positionen (v.a. in Naturwissenschaften) meistens von Männern besetzt werden und dass Frauen dort unterrepräsentiert sind.

Hoffentlich ändert sich diese verzerrte Besetzung von Positionen in Zukunft, aber ich bin zuversichtlich, dass das früher oder später passieren wird.

Inhaltlich habe ich jetzt alles gesagt, was mich umtreibt – obwohl, da ist noch eine Kleinigkeit. Die Autorin berichtet von ihrem schulischen Auslandsjahr in Amerika, wo sie dann „die Deutsche“ war und mit den verrücktesten Vorurteilen über Deutsche und Europäer konfrontiert wurde. In Deutschland war sie „die Schwarze“ und musste ständig erklären „wo kommst du her“ und war rassistischen Mikroaggressionen ausgesetzt. Erst in Amerika wurde sie dann als Deutsche gesehen.

Und dass in dem Fach ‚Amerikanische Geschichte‘ sehr besorgniserregender Unterricht stattfand. Auf die Frage hin wer den nuklearen Angriff auf Hiroshima für falsch hielte, meldete sie sich als einzige. Kritische Auseinandersetzung mit den Verbrechen der amerikanischen Geschichte? Fehlanzeige.

Bevor wir uns jetzt zurücklehnen und unsere eigenen Vorurteile über Amerikaner streicheln – unser Geschichtsunterricht ist auch nicht viel besser! Kritische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit beschränkt sich ausschließlich auf den Holocaust der NS-Zeit. Schwarze Geschichte in Deutschland? Fehlanzeige. Über die deutsche Kolonialmacht vor dem ersten Weltkrieg erfahre ich erst durch dieses Hörbuch etwas.

So ungern wir Deutschen das auch hören – Amerikaner sind keinesfalls dümmer oder verblendeter oder ignoranter als wir!!! Menschen sind Menschen. Unabhängig von dem Ort, an dem sie leben, gibt es alle möglichen Individuen.

Jetzt habe ich meine Gefühle und Gedanken hier lang und breit ausgewalzt und bin kein Stück weniger aufgewühlt. Ich weiß schon, warum ich Gesellschaftskritik und Politik gerne aus dem Weg gehe. Es braucht nur einen kleinen Trigger und ich werde zur Furie.

Aber den Luxus der Ignoranz will ich mir nicht länger herausnehmen. So lange es Rassismus in Deutschland gibt, darf ich mich davor nicht drücken, indem ich das mich-darüber-informieren ablehne. Wie soll man lernen Rassismus zu vermeiden / zu kritisieren / zu bekämpfen, wenn man nicht weiß und nichts sieht?

Hinterlass mir gern deine Gedanken

Bis dann

Gedankenpilze

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